Das Corona Science Update

Das Corona Science Update

Coronaviren. Foto CDC/D. Fred Murphy, Sylvia Whitfield

Weltweit wird mit Hochdruck an neuen Gegenmitteln im Kampf gegen das neue Coronavirus SARS-CoV-2 geforscht, das die Krankheit Covid-19 auslöst. Fakt ist: Diese Forschung braucht Zeit. Und: Ohne Tierversuche wird es weder Impfstoffe noch Therapien gegen COVID-19 geben. Die Initiative „Tierversuche verstehen“ gibt in unregelmäßigen Beiträgen (unten) Einblicke in das laufende Forschungsgeschehen rund um die Entwicklung neuer Impf- und Wirkstoffe.

Die Situation ist hoch dynamisch. Noch nie hat sich ein Forschungsgebiet derart schnell entwickelt. Die Zahl der wissenschaftlichen Studien nimmt rasant zu. Im Spannungsfeld von Sorgfalt und Schnelligkeit spielen auch die sogenannten “Pre-Print-Server” wie etwa bioRxiv (gesprochen “bioarchive“) eine wichtige Rolle: Hier können Forschende Studienmanuskripte hochgeladen, die noch nicht von den Herausgebern der Fachzeitschriften oder von Fachkollegen begutachtet wurden.

Geforscht wird hauptsächlich auf drei sehr unterschiedlichen Ebenen:

1. Entwicklung von Impfstoffen (Stand 17. Juli 2020)

Impfstoffe zählen zu den präventiven Möglichkeiten: Eine Impfung schützt Gesunde bzw. nicht-Infizierte durch Immunisierung. Das bedeutet, das Immunsystem der Geimpften wird in die Lage versetzt, das neue Virus zu erkennen und gezielt zu bekämpfen. Die Entwicklung eines Impfstoffs dauert in der Regel 10-15 Jahre. Das ist für die jetzige Pandemie-Situation natürlich viel zu lang. Darum arbeiten die Pharmaunternehmen derzeit mit Hochdruck an einer schnelleren Entwicklung und auch die entsprechenden Behörden, wie das Paul-Ehrlich-Institut in Deutschland, verkürzen ihre Zulassungsprozesse. 

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO werden derzeit (Stand: 15.07.2020) mindestens 163 potentielle Impfstoffe gegen Covid-19 untersucht. Verschiedene Unternehmen arbeiten hierzu sowohl an Tot-, Lebend- als auch an genbasierten Impfstoffen. Zu 23 Kandidaten laufen bereits klinische Studien in verschiedenen Phasen. Am weitesten sind dabei die chinesischen Hersteller Sinovac, Sinopharm sowie die Kooperation zwischen AstraZeneca und dem Jenner-Institut der Universität Oxford. Ihre Kandidaten befinden sich bereits in der dritten und letzten Test-Phase.

Über die Wege und Möglichkeiten, die Zulassungsprozesse der Impfstoffe zu beschleunigen, haben wir vor kurzem ein Interview mit dem Paul-Ehrlich-Institut geführt. Ferner stand Klaus Cichutek, Präsident des PEI, kürzlich Journalisten in einem Press-Briefing Rede und Antwort.

Darüber hinaus gibt es auch Überlegungen, bereits bestehende Impfstoffe für Covid-19 zu verwenden. Eine Phase-III-Studie prüft zurzeit etwa die Wirksamkeit eines weiterentwickelten Tuberkulose-Impfstoffs.

2. Entwicklung von Medikamenten (Stand 17. Juli 2020)

Wer bereits infiziert ist und Symptome zeigt, dem hilft eine präventive Impfung nicht mehr. Deshalb wird parallel nach neuen Medikamenten gesucht, die eine aktive Infektion mit SARS-CoV-2 bekämpfen. Damit ließe sich die Krankheit COVID-19 behandeln.

Dabei spielt vor allem die Bildung von neutralisierenden Antikörpern eine wichtige Rolle. Ein Forscherteam um Professor Dr. Florian Klein von der Uniklinik Köln und dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) konnte diesbezüglich Teile der Entwicklung dieser Antikörper entschlüsseln und gleichzeitig potente neutralisierende Antikörper gegen SARS-CoV-2 isolieren. Im Blut von zwölf Genesenen Covid-19-Patienten fanden die Wissenschaftler 28 solcher Antikörper, die das neuartige Coronavirus effektiv neutralisieren können. Diese könnten ebenso zum Schutz vor einer Infektion wie auch zur Therapie bei Covid-19 eingesetzt werden.

Auch eine andere Arbeitsgruppe um Prof. Jörg Rademann vom Institut für Pharmazie der FU Berlin widmet sich der Entwicklung von Corona-Medikamenten und arbeitet hierfür an der Entwicklung von Protease-Hemmstoffen, die als potenzielle Wirkstoffe gegen SARS-CoV-2 eingesetzt werden könnten. Ziel ist es eine chemische Verbindung zu schaffen, die sich an das Enzym des Virus bindet und auf diese Weise lahmlegt. Damit möchte man das Virus-Wachstum und dessen Vervielfältigung blockieren.

3. Umwidmung vorhandener Wirkstoffe (Stand 17. Juli 2020)

Im März wurde berichtet: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) will in einer globalen Studie herauszufinden, welche bereits zugelassenen Arzneimittel gegen die Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 wirken. So könnte ein potentiell wirksamer Kandidat schneller in der Praxis angewandt werden. Die Studie trägt den Namen SOLIDARITY.

Aktuell stehen vier Wirkstoffkombinationen im Zentrum der Corona-Forschung. In Frage kommen etwa das Malariamittel Chloroquin und der Abkömmling Hydroxychloroquin, das HIV-Medikament Kaletra (Lopinavir/Ritonavir), Kaletra in Kombination mit Beta-Interferonen und das breit gegen Viren wirksame Remdesivir, welches bereits gegen Ebola eingesetzt wurde.

Seit Freitag, den 3. Juli, ist der Wirkstoff Remdesivir als erstes Mittel zur Behandlung von Covid-19-Patienten in Europa zugelassen. Das Arzneimittel wird als Infusion verabreicht und verhindert die Vermehrung der Viren im menschlichen Körper. Eine internationale Studie mit mehr als 1.000 Teilnehmenden Ende April zeigte, dass die Einnahme von Remdesivir bei Patienten die Zeit bis zur Genesung durchschnittlich von 15 auf 11 Tage verkürzen kann.

Die bereits erwähnte weltweite Studie SOLIDARITY der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam zu dem Ergebnis, dass sich sowohl Hydroxychloroquin als auch die Kombination von Lopinavir und Ritonavir nicht zur Behandlung von Covid-19-Patienten eignen. Im Vergleich zu Patienten, die eine Standardbehandlung erhielten, führte die Einnahme der genannten Medikamente bei den untersuchten Patienten zu keiner wesentlichen schnelleren  Verbesserung ihres Gesundheitszustands.