Warum wir Tierversuche machen

Warum wir Tierversuche machen

Der Neurowissenschaftler Wolf Singer war Vorsitzender einer international besetzten Kommission renommierter Wissenschaftler, die das Grundsatzpapier zu Tierversuchen verfasst hat. Foto: © Amac Garbe

Der Senat der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) hat ein Grundsatzpapier (White Paper) zum Thema Tierversuche in der Grundlagenforschung im Januar 2017 veröffentlicht. Darin betont die MPG die Unverzichtbarkeit von Tierversuchen und bekennt sich zu ihrer besonderen Verantwortung beim Umgang mit Versuchstieren. Der Neurowissenschaftler Wolf Singer war Vorsitzender einer international besetzten Kommission renommierter Wissenschaftler. Unter ihnen waren Neurowissenschaftler, Verhaltensforscher und Ethiker sowie Kommunikationsexperten und maßgebliche Persönlichkeiten aus der Forschungspolitik. Singer ist Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und forscht heute am Ernst-Strüngmann-Institut in Frankfurt. Im Interview spricht er über wichtige Fragen des Tierschutzes bei Tierversuchen.

 

Herr Singer, warum hat die Max-Planck-Gesellschaft eine Grundsatzerklärung zum Thema Tierversuche verabschiedet?

 

Wolf Singer: Wir reagieren heute sensibler darauf, wie Tiere in unserer Gesellschaft behandelt werden: Sei es in der Landwirtschaft, im Privaten oder in der Forschung. Vieles von dem, was früher als gegeben hingenommen wurde, wird inzwischen hinterfragt. Die Menschen wollen von uns Wissenschaftlern wissen, warum und wie wir Tierversuche machen. Das White Paper macht einerseits deutlich, aus welchen Gründen die Forschung im Bereich Biologie und Medizin nicht auf Experimente mit Tieren verzichten kann. Gleichzeitig setzen sich die Wissenschaftler aber auch intensiv mit den ethischen Fragen auseinander, die solche Versuche aufwerfen, und stellen sich der Verantwortung für einen bestmöglichen Umgang mit den Versuchstieren.

 

Deshalb bin ich der Meinung, dass jede Forschungsorganisation, die Untersuchungen mit Tieren unterstützt, eine solche Grundsatzerklärung haben sollte

 

Was ist die Ihrer Meinung nach zentrale Aussage des White Papers?

 

Singer: Ein für die Max-Planck-Gesellschaft ganz wesentlicher Punkt ist die Feststellung, dass Wissen ein Wert an sich ist, selbst wenn es nicht unmittelbar in eine praktische Anwendung mündet. Denn als Organisation, die der Grundlagenforschung verpflichtet ist, wird uns gelegentlich der Vorwurf gemacht, unsere Forschung diene nur der Befriedigung menschlicher Neugier und orientiere sich nicht am Nutzen für die Gesellschaft.

 

Das Papier betont, dass es eine Verpflichtung gibt, wissen zu wollen. Wir sind gezwungen zu handeln und greifen dabei fortwährend in unsere Umwelt ein. Wenn wir nicht gleichzeitig erforschen, welches die möglichen Folgen unseres Tuns sind, handeln wir verantwortungslos.

 

Für die Max-Planck-Gesellschaft bedeutet dies, dass ihre Forschung primär auf den zu erwartenden Wissensgewinn ausgerichtet sein muss und nicht auf kurzfristigen Nützlichkeitserwägungen beruhen darf. Wer vermag schon zu sagen, ob ein heute entdecktes Protein des Immunsystems in 20 Jahren ein Schlüssel für die Behandlung einer Infektionskrankheit sein wird? Oder ob ein bestimmter Stoffwechselweg dabei hilft, die Folgen des Klimawandels auf Organismen abschätzen zu können? Zukunftsweisende Entdeckungen sind oft Zufallstreffer, und ohne Grundlagenforschung wären wir schlecht gewappnet für die Herausforderungen der Zukunft, seien es Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Artensterben, neue Epidemien oder zunehmende chronische Erkrankungen wie Diabetes.

 

Zu welchen weiteren Themen positionieren sich die Wissenschaftler?

 

Singer: Das White Paper macht deutlich, dass auf dem Weg zu neuer Erkenntnis ethische Konflikte entstehen können, die einer sehr differenzierten Diskussion bedürfen. Oft müssen wir den zu erwartenden Nutzen eines Experiments – den Erkenntnisgewinn – gegen einen konkreten Schaden für das Versuchstier abwägen. Menschen können je nach persönlichem Wertesystem oder kulturellem Hintergrund zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Eine objektiv richtige Antwort gibt es nicht. Letztlich müssen Gesellschaften immer wieder neu verhandeln, wie sie mit einem ethischen Dilemma umgehen wollen.

 

Um solche Diskurse zu erleichtern, legt das White Paper besonderen Wert darauf, den Prozess der Schaden-Nutzen-Abwägung nachvollziehbar zu machen. Wir haben die Pflicht, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, welche Ziele unsere Untersuchungen verfolgen und warum wir dafür Tiere einsetzen. Die Grundsatzerklärung spricht deshalb von einem Gebot zur Transparenz. Es fordert zudem von allen an der öffentlichen Diskussion Beteiligten ein Höchstmaß an Toleranz und Respekt gegenüber unterschiedlichen Meinungen ein.

 

Ferner definiert das Papier eine Reihe von Maßnahmen, mit denen die Max-Planck-Gesellschaft den Tierschutz verbessern möchte. Einige davon sollen zum Beispiel helfen, die wissenschaftliche Expertise der Max-Planck-Gesellschaft zu nützen, um Fragen etwa zum Schmerzempfinden oder zum Recht auf Leben von Tieren zu untersuchen und den ethischen Diskurs mit der Öffentlichkeit zu verbessern. Die Max-Planck-Gesellschaft erweitert deshalb das dem Tierschutz in der Forschung zugrunde liegende 3R-Prinzip (Replacement – Vermeidung, Reduction – Verminderung, Refinement – Verbesserung) um ein viertes R (Responsibility – Verantwortung).

 

Sie haben das Transparenz-Gebot angesprochen, das das Positionspapier aufstellt. Viele Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen befürchten aber, zur Zielscheibe für Anfeindungen zu werden.

 

Singer: Ich halte diese Sorge für unbegründet, denn im Zeitalter des Internets kann sich jeder mit wenigen Mausklicks darüber informieren, wer an Tieren forscht. Warum ein Forscher das tut, ist dagegen für den Laien oft nicht ersichtlich. Deshalb bleibe ich dabei: Als Wissenschaftler haben wir die Pflicht, offen über unsere Forschung zu sprechen. Ein verantwortungsvoller ethischer Diskurs muss auf gegenseitigem Vertrauen fußen. Wegen der hohen Spezialisierung der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen kann niemand mehr alles wissen. Laien genauso wie Wissenschaftler anderer Disziplinen müssen darauf vertrauen können, dass die Behauptungen von Experten über die Notwendigkeit von Tierversuchen zutreffen. Um dieses Vertrauen zu rechtfertigen, ist es unumgänglich, redlich darzulegen, wo die ungelösten Probleme liegen, wie sie gelöst werden könnten, was Forschung vermag und wo ihre Grenzen liegen. Wir haben nichts zu verbergen!

 

Interview: Harald Rösch

 

 

Max-Planck-Whitepaper Tierversuche

 

 

White Paper der Max-Planck-Gesellschaft zu Tierversuchen

 


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