Verbot von Tierversuchen würde Forschung aktuell stark einschränken

Verbot von Tierversuchen würde Forschung aktuell stark einschränken

Prof. Dr. Marcel Leist ist Professor für In-Vitro-Toxikologie und Biomedizin an der Universität Konstanz. Er leitet das Zentrum für Alternativen zum Tierversuch in Europa. Foto: Universität Konstanz

Das Ziel der Forschung ist es, die Anzahl von Versuchstieren zu reduzieren. In den Niederlanden hat der Agrarminister Martijn van Dam die Absicht, einige Tierversuche bis 2025 zu ersetzen. Prof. Marcel Leist hält einen kompletten Verzicht zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht. Er ist Professor für in vitro Toxikologie und Biomedizin an der Universität Konstanz und Leiter des „Zentrums für Alternativen zum Tierversuch in Europa“. Seiner Ansicht nach fördere ein rascher „Ausstieg“ bei Tierversuchen zwar die Entwicklung von Ersatzmethoden, jedoch würde die Forschung aktuell stark eingeschränkt.

 

Die Niederlande wollen bis 2025 weltweit führend beim Ersatz von Tierversuchen werden. Der Inhalt des Strategiepapiers suggeriert, dass es dafür genügend technische und strategische Möglichkeiten gibt. Wie beurteilen Sie das?

 

Marcel Leist: Die Niederlande sind bereits jetzt, bezogen auf die Größe des Landes, führend bei der Entwicklung von Alternativmethoden zum Tierversuchersatz. Klassischerweise wird diese Forschung dort nicht dem Tierversuch entgegenstehend gesehen, sondern als etwas, das neue Möglichkeiten eröffnet. Ein Komplettersatz oder ein Verbot von Tierversuchen ist etwas ganz anderes. Dies würde beim gegenwärtigen Stand unseres Wissens und der Technologie sicher stark die Forschung einschränken. Es wäre auch eine starke Triebkraft für Neuentwicklungen. Insgesamt geht die Bewertung dieser Balance weit über die wissenschaftlichen Aspekte hinaus, und ist eher eine politische beziehungsweise gesamtgesellschaftliche Entscheidung, vergleichbar etwa mit dem Ausstieg aus der Kernenergie.

 

Befürworter von Alternativmethoden schätzen die Möglichkeiten von „organ-on-a-chip“/“body-on-a-chip“ sehr hoch ein. Wie weit fortgeschritten ist diese Technologie tatsächlich? Ab wann könnte sie im größeren Ausmaß bisherige Forschungsmethoden ablösen?

 

Leist: Auf den neuen Forschungsgebieten gibt es ganz erstaunliche Fortschritte, die zu Unrecht zu wenig beachtet werden. Auch sehr komplexe Vorgänge, wie das Verhalten des Immunsystems werden hier schon angegangen. Andererseits ist das Feld noch sehr klein, und bei manchen Befunden ist die momentane Begeisterung größer als die technische Robustheit. Hier ist sicher noch viel Arbeit notwendig. Gerade z.B. in Gebieten wie den Neurowissenschaften, der Kreislaufforschung oder der Entwicklungsbiologie und -toxikologie fehlt den bisherigen Modellen die nötige Komplexität. Allerdings würde ich annehmen, dass sich die Forschung an künstlichen Organen und drauf aufbauenden komplexen Systemen dramatisch beschleunigen würde, wenn das Tier als Alternative nicht zur Verfügung stände.

 

Was bedeutet das Papier für die Grundlagenforschung? Ist in den nächsten 10 Jahren mit einem signifikanten Rückgang der Versuchstierzahlen in diesem Bereich zu rechnen?

 

Grafik: laut Gesetz zulässige Tierversuche

Zu welchem Zweck sind Tierversuche zulässig?

Leist: Zunächst handelt es sich um ein Arbeitspapier, und nach meiner Einschätzung ist noch viel Diskussions- und Handlungsbedarf bevor auch nur Teile davon umgesetzt werden. Ich sehe nicht, dass dies in den nächsten 10 Jahren die Grundlagenforschung berührt.

 

Worauf müssen sich Forscher in den Niederlanden als Konsequenz auf das NCad einstellen? Welche Folgen ergeben sich daraus für den Wissenschaftsstandort? Kommen deswegen Innovationen künftig seltener oder häufiger aus den Niederlanden?

 

Leist: Es ist zunächst einfach ein Arbeitspapier einer Kommission. Kein Grund zur Panik. Nimmt man den rein hypothetischen Fall an, dass dieses Arbeitspapier in den Niederlanden zum Gesetz würde, dann würde dies einen starken Einfluss auf die Forschung haben. Bestimmte Bereiche würden reduziert und andere würden aufblühen. Die Tierexperimente, sofern nötig, würden im umliegenden Ausland weiterlaufen. Die Beurteilung inwiefern sich die Innovationsfähigkeit verändern würde ist etwa wie Kaffeesatzlesen – wie die meisten Zukunftsvoraussagen. Mein Bauchgefühl ist, dass es keine Nachteile hätte, vielleicht sogar eher Vorteile brächte, da ja dann neue Systeme in den Niederlanden entwickelt würden, während die Ergebnisse der klassischen Forschung immer noch leicht aus umliegenden Laboren zur Verfügung stehen würden.

 


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