Tierschutz durch Tierversuche

Tierschutz durch Tierversuche

Martin Wikelski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell, steigt für seine Forschung in die Lüfte. Foto: MaxCine

Die Forschung mit und an Vögeln hat zu wichtigen biologischen Erkenntnissen geführt: Ihre Zugrouten liefern aufschlussreiche Erkenntnisse zum Klimawandel. Je wärmer in Nordeuropa der Winter ausfällt, desto weniger Vögel machen sich auf den weiten Weg in den Süden. Damit verändern sich die Vogelpopulationen in unseren Regionen jedoch ganz erheblich. Und auch auf den dramatischen Rückgang an Insekten reagieren sie als allererstes und übernehmen damit wichtige Zeigerfunktion für den Zustand unserer Ökosysteme.

Der Biologe Martin Wikelski hat viele dieser Facetten selbst erforscht. Doch der bei weitem größte Schritt steht noch bevor: das Beobachten von kleinen und großen Tieren aus dem All. Wie vielen unterschiedlichen Tierarten Wikelski schon mittels kleiner Sender gefolgt ist, kann er selbst nur schwer abschätzen. „80 bis 100 unterschiedliche Arten werden es wohl gewesen sein“, sagt der Biologe und ergänzt: „Darunter waren nicht nur Vögel, sondern auch Reptilien, Fledermäuse, Hunde und Insekten. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell interessiert sich, wie er selbst sagt, generell für das große Ganze, die Zusammenhänge in der Natur. Verstehen und Bewahren sind seine Grundmaximen – ganz in der Tradition des Naturkunde-Pioniers Alexander von Humboldt.

Animal Tracking

Bei seiner Forschung hat sich Wikelski auf das sogenannte Animal Tracking spezialisiert. Dabei erfasst er elektronisch die Wege, Flugrouten und Aufenthaltsorte von Tieren. Zahlreiche wissenschaftliche Fragestellungen können dadurch untersucht werden. Dass nur Teile der Amselpopulation jeden Herbst in den Süden ziehen, wussten Ornithologen bereits aus Beringungsfunden. Mit ihrer modernen Telemetrietechnik fanden Wikelski und sein Team jedoch erstmals heraus, dass es vor allem die Weibchen in den Süden zieht, während die Männchen mehrheitlich zuhause bleiben. Als nächstes wollen die Forscher herausfinden, welche Route die Amseln wählen und ob sie einzeln ziehen.

Darüber hinaus interessieren sie vor allem die Mechanismen dahinter: Wie navigieren und orientieren sich die Tiere? Welche Rolle spielt dabei das individuelle Erbgut der Tiere? Fragestellungen eines Wissenschaftlers eben. Und auch der Mensch profitiert. So führte etwa die Erforschung des Fettstoffwechsels bei Zugvögeln zu Erkenntnissen, die danach auch beim Menschen untersucht werden konnten. Das Gleiche gelte für die Untersuchungen zum Aufbau des Magen-Darm-Traktes, so der Wissenschaftler. Auch wurde an Vögeln erforscht, wie sie Veränderungen im Tagesablauf verarbeiten und welche kognitiven Leistungen sie dabei erbringen müssen.

Vögel als “Umweltbojen”

Bald wird auch der Einsatz von Vögeln als „Umweltbojen“ kaum mehr aus der Forschung wegzudenken sein. „Wir setzen Gänse als Sensoren ein und rüsten sie dafür mit Mikroelektronik aus“, erklärt Wikelski. Manchmal befestigen Wissenschaftler sogar zeitweise Kameras an den Tieren. Mit den unterschiedlichen Messsensoren ausgestattet, können die Gänse klimatische Daten aus rund 7000 Höhenmetern liefern, wenn sie zum Beispiel den Himalaja überfliegen. Die Tiere ermöglichen auch Messungen, wenn sie in niedriger Höhe über das grönländische Eis fliegen – und liefern damit für die Erforschung des Klimawandels wichtige Daten. Die von Hand aufgezogenen Gänse werden im Training frühzeitig daran gewöhnt, diese technische Ausstattung an ihrem Körper zu tragen. Und es scheint sie auch nicht weiter zu beeinträchtigen.

Die Forschungsprojekte kommen auch den Artgenossen der Versuchstiere zugute. Die Wissenschaftler ergründen beispielsweise, warum einige Vogelarten immer seltener werden. Wikelski und viele andere Forscher beunruhigt die aktuelle Entwicklung. Der Rückgang mancher Populationen fällt teilweise drastisch aus: Vor 25 Jahren lebten schätzungsweise noch 420 Millionen mehr Vögel in Europa. „Das ist ein massiver Rückgang“, gibt der Biologe zu bedenken. „Bei uns sind es die Singvögel, die zunehmend verschwinden“, sagt der Forscher und ergänzt: „In anderen Regionen wie Indien werden beispielsweise Geiervögel so selten, dass sie kaum noch auffindbar sind.“ Viele der genauen Ursachen sind noch unbekannt. „Wir müssen dringend wissen, wo die Vögel bleiben und wie sie sterben“, betont der Forscher. Manche Todesursachen konnten dank des Animal Trackings bereits ergründet werden. Denn die künstlichen Augen und Ohren, die die Vögel bei sich tragen, dokumentierten, dass beispielsweise in Nordafrika in großem Ausmaß Singvögel gefangen werden und dass zahlreiche Tiere wegen ausgelegten Giftködern in Nordchina verenden. „In einem Fall ist es unseren Kollegen vom Waldrapp-Team sogar gelungen, Wilderer zu stellen“, sagt der Forscher.

Tierversuche ermöglichen Tierschutzmaßnahmen

Es mag paradox klingen. Jedoch sind diese Tierschutzmaßnahmen nur durch Tierversuche überhaupt möglich. Denn das Anbringen der Sender oder Blutabnahmen gelten juristisch als Tierversuche. „Einige Tiere müssen wir belasten“, sagt Wikelski. Jedoch würden die Forscher die Beeinträchtigungen so gering wie möglich halten. Das gelte für alle Tiere – egal, ob Insekt, Vogel oder Vierbeiner.

Die Forschung Wikelskis und seiner Kollegen hat bereits viele hilfreiche Erkenntnisse erbracht. Der zweifelsohne größte Schritt steht jedoch noch bevor: Das Animal Tracking kleiner Tiere aus dem Weltall von der Internationalen Raumstation ISS aus. Das Projekt ICARUS (International Cooperation for Animal Research Using Space) startet im kommenden Jahr. Hier werden die Lebewesen möglichst lückenlos und ganzheitlich erfasst. Das hilft auf mehreren Ebenen: Menschen können durch das Verhalten von Tieren zum Beispiel eher auf Naturkatastrophen aufmerksam gemacht werden. Aber vor allem können die Artgenossen der eingesetzten Vögel profitieren. „Es geht vor allem darum, den Tieren da draußen zu helfen und sie zu schützen“, betont Wikelski.


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