Heute forsche ich selbst an Affen

Heute forsche ich selbst an Affen

Prof. Dr. Rüdiger Behr forscht mit Weißbüschelaffen am Deutschen Primatenzentrum (DPZ). Foto: Karin Tilch

Rüdiger Behr leitet die Forschungsplattform „Degenerative Erkrankungen“ am Deutschen Primatenzentrum (DPZ). Er forscht an Weißbüschelaffen und Rhesusaffen.

Rüdiger Behr (48) leitet die Forschungsplattform „Degenerative Erkrankungen“ am Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen. Sein Zivildienst in der Geronto-Psychiatrie einer Nervenklinik hat ihn nachhaltig beeinflusst. Nach dem Biologie-Studium hat Behr eine Forschungsrichtung gewählt, die mit neuesten Methoden zur Gesundheit des Menschen beitragen will.

 

Behr arbeitet mit embryonalen und induzierten pluripotenten Stammzellen des Weißbüschelaffen und des Rhesusaffen. Diese „Alleskönner-Stammzellen“ sollen in verschiedenen Projekten zu Zelltypen differenziert werden, die bei Krankheiten eine Rolle spielen. Langfristiges Ziel ist es, gemeinsam mit Partnern und unter anderem im Rahmen des Deutschen Zentrums für Herzkreislaufforschung (DZHK), Zellersatztherapien für leidvolle Erkrankungen wie beispielsweise Herzinfarkt und neurodegenerative Erkrankungen zu entwickeln und präklinisch zu überprüfen. Für seine Forschung ist er auf Tierversuche mit Weißbüschelaffen und Rhesusaffen angewiesen.

 

Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich als Kind in einer Zeitschrift blätterte und dort Bilder von Affen sah, die in Tierversuchen verwendet wurden. Ich fragte mich damals, warum Menschen Tiere in Laborexperimenten nutzen und ihnen dabei auch teilweise Schmerzen zufügen. Heute forsche ich selbst an und mit Affen, da man in manchen Bereichen nur auf diese Weise Erkenntnisse gewinnen kann, die eines Tages der modernen Medizin zugutekommen können. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich ein paar Minuten Zeit nehmen würden, um unvoreingenommen weiterzulesen und zu versuchen, den Prozess und die Argumente zu verstehen, die mich dazu gebracht haben, heute selbst Versuche an Tieren durchzuführen. Vielleicht erfahren Sie so einige neue Argumente – unabhängig davon, ob Sie dann von der Vertretbarkeit und dem Nutzen von Versuchen an Tieren überzeugt sind oder nicht.

 

Ich beginne mit ein paar Überlegungen zur Abwägung zwischen den Interessen der Tiere und denen des Menschen. Diese Interessenabwägung impliziert auch eine relative Bewertung menschlichen und tierischen Lebens. Daran anschließend möchte ich den nachgewiesenen und den erwarteten Nutzen von Tierversuchen anhand dreier Themenbereiche erläutern: der Organtransplantation, der Zellersatztherapie und der Etablierung neuer Tiermodelle für die Erforschung menschlicher Krankheiten. Schließen möchte ich mit einem kurzen Plädoyer für die sogenannte Grundlagenforschung – auch an Tieren.

 

Wofür bin ich bereit, das Leben von Tieren zu riskieren?

Oder anders gefragt: Welche Interessen des Menschen sind mir mehr wert als die Unversehrtheit tierischen Lebens?

 

Ich kann mich vielen Forderungen von Tierschützern anschließen, beispielsweise der Forderung eines Verbotes von Tierversuchen in der Kosmetika- Forschung (wie es in der gesamten EU glücklicherweise ja schon gilt) oder dem Verbot von qualvollen Tiertransporten. Oder auch einem Verbot der Haltung vieler Tierarten in privater Hand durch «Tierliebhaber», da hier oft nicht artgerecht für die Tiere gesorgt wird. Ebenso sehe ich Pelztierfarmen sehr kritisch. Diese Liste ließe sich fortführen. Es ist also keinesfalls so, dass ich davon ausgehe, dass der Mensch völlig unkritisch und willkürlich über das Leben von Tieren verfügen sollte. Ich bemühe mich, beim Rasenmähen die Grashüpfer zu schonen und nicht einfach «niederzumähen». Ein anekdotisches Indiz, dass ich tierischem Leben, auch dem «niederer» wirbelloser Tiere, nicht gleichgültig gegenüberstehe. Und doch führe ich Versuche an Wirbeltieren durch. Wie passt das zusammen? Wenn ich die Verwendung von Tieren in Experimenten in Kauf nehme, dann brauche ich dafür gute Gründe, die abgewogen werden müssen mit anderen Argumenten. Bei dem Grashüpfer-Beispiel stehen sich das (angenommene) Interesse des Grashüpfers, zu leben, und mein Interesse, den Rasen zu mähen, gegenüber. Beide Interessen sind hier einfach unter einen Hut zu bringen, indem ich das Rasenmähen kurz unterbreche, den Grashüpfer zur Seite setze und mit dem Rasenmähen fortfahre.

 

Bei der Nutzung von Tieren in der Forschung stehen sich das Interesse der Tiere an einem schmerzund leidensfreien Leben und das Ur-Interesse von Menschen an Erkenntnis und an der Schaffung von neuen Möglichkeiten der Heilung von Krankheiten des Menschen (und in der Tiermedizin auch von Tieren) manchmal unvereinbar gegenüber. Hier kann ich persönlich bei einer Prüfung jedes einzelnen Falles und nach Abwägung aller mir bekannten Argumente zu dem Ergebnis kommen, dass das Interesse des Menschen gegenüber dem Interesse des Tieres höher sein kann.

 

Jeder Leser, der nun sagt, dass er Tierversuche in der Forschung kategorisch ablehnt und der vielleicht sogar streng vegetarisch oder gar vegan lebt, sollte sich fragen, ob er nicht durch seine persönliche Lebensweise und Bedürfnisse trotzdem auch tierisches Leben gefährdet. So muss man sich z.B. bewusst machen, dass man als Auto- oder Bahnfahrer den Tod von Hunderttausenden, wahrscheinlich Millionen von Wirbeltieren allein in Deutschland in Kauf nimmt. Nach aktuellen Zahlen werden jährlich mehr als 200 000 Rehe, Wildschweine und Hirsche auf deutschen Straßen bei Unfällen verletzt oder getötet. Weitere Wirbeltiere wie Hasen, Kaninchen, Mäuse, Marderartige und Vögel kommen vermutlich millionenfach hinzu. Unsere Gesellschaft nimmt also aus Gründen der Mobilität millionenfach das Leiden und den Tod von Wirbeltieren in Kauf. Und wer ist noch nie Auto oder Bahn gefahren? Und wie sieht es hier mit der Güterabwägung aus? Mobilität gegen Unversehrtheit des Lebens von Tieren? Man sollte also vorsichtig sein, bevor man voreilig die Aussage trifft, dass der Tod von Tieren durch kein menschliches Handeln und durch keinerlei menschliche Bedürfnisse zu rechtfertigen sei. Doch die eigenen Argumente werden nicht dadurch besser, dass man mit dem Finger auf andere zeigt. Was sind also vor dem Hintergrund der Güterabwägung die Argumente, die mich dazu bewogen haben, heute selbst Tierversuche durchzuführen?

 

Weißbüschelaffen in der Haltung des Deutschen Primatenzentrums. Foto: Manfred Eberle

Voraussetzung für eine Anerkennung des Nutzens von Tierversuchen ist, dass Leben nicht kategorisch gleich Leben und, unabhängig davon, in welcher Tier- oder auch Pflanzenart es sich manifestiert, als absolut schutzwürdig angesehen wird (wobei ich persönlich menschliches Lebens als ein unantastbares Gut ansehe). Der Schutz tierischen Lebens kann aus meiner Sicht aber abgewogen werden mit dem Zweck und Nutzen der Handlung, bei der das Leben eines Tieres gefährdet oder sogar beendet wird. So kann ich also den wirbellosen Grashüpfer vor dem Rasenmäher retten und gleichzeitig den Affen im Rahmen meiner Forschung nutzen, um höherrangige Ziele (als einen halbwegs gepflegten Rasen) zu erreichen. Aus meiner Sicht ist der Schutz tierischen Lebens also ein hohes Gut, jedoch nicht absolut schützenswert. Dazu drei Bespiele für gute Gründe, Tiere im menschlichen Interesse zu nutzen.

 

Wenn hier von Affen die Rede ist, dann sind Rhesusaffen (Macacamulatta) oder Weißbüschelaffen (Callithrix jacchus) gemeint. Sie sind die in der präklinischen Forschung am häufigsten verwendeten Arten.Experimente an Menschenaffen (Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans) sind in Europa verboten und werden hier schon seit vielen Jahren nicht mehr durchgeführt. Und einem weiteren Missverständnis soll vorgebeugt werden: Versuchstiere unterliegen in dem hier besprochenen Arbeitsbereich in den meisten Fällen nur kurzfristig und punktuell Leiden und Schmerzen. Diese Belastungen sind auf Eingriffe zurückzuführen, wie sie vom Ausmaß ähnlich in der täglichen tierärztlichen Praxis, z.B. bei Kastrationen oder anderen chirurgischen Eingriffen, auftreten. Die Tiere werden dabei, auch im Interesse des Forschenden, der selbstverständlich mit möglichst nicht eingeschränkten und durch Stress belasteten Tieren seine Studien durchführen will, unter besten tiermedizinischen und -pflegerischen Bedingungen gehalten. Ferner wird größter Wert auf eine möglichst artgerechte Haltung gelegt. Zusammengefasst: Es werden Eingriffe an den Tieren durchgeführt – die allermeiste Zeit verbringen die Tiere jedoch ungestört in einer Haltung, die höchsten tierhalterischen Ansprüchen genügt und den Tieren somit größtmögliche Stressfreiheit ermöglicht.

Organtransplantationen

Mit den ersten erfolgreichen Organtransplantationen vor etwa 50 Jahren hielt eine qualitativ völlig neue Therapie Einzug in das Behandlungsrepertoire der Ärzte im Kampf gegen unterschiedlichste schwere und tödliche Erkrankungen. Wenn alle anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, dann können heute lebenswichtige Organe wie Herz, Niere, Leber, Bauchspeicheldrüse oder Lungen transplantiert werden. Leider stehen jedoch viel zu wenige Organe zur Verfügung, sodass viele Patienten sterben, bevor ein Spenderorgan bereitsteht. Nichtsdestotrotz sind inzwischen Hunderttausende von Menschen weltweit durch eine Organverpflanzung vor dem frühzeitigen Tod gerettet worden.

 

Sind Sie auch ein Befürworter der Organspende und -transplantation? Haben Sie vielleicht sogar selbst einen Organspenderausweis und fühlen sich gut, dass Sie im Fall des Falles einem anderen Menschen das Leben retten könnten? Dann sollten Sie sich aber auch bewusst machen, dass es diese wunderbare Option im Kampf gegen viele Erkrankungen bis heute nicht gäbe, wenn sie nicht jahrzehntelang und auch heute noch immer wieder an Tieren entwickelt, erlernt, überprüft und verbessert würde. So nutzten die Transplantationspioniere und Nobelpreisträger Alexis Carrel (Nobelpreis für Medizin und Physiologie 1912), Sir Peter Brian Medawar (Nobelpreis 1960), Jean Dausset (Nobelpreis 1980) und Joseph Edward Murray (Nobelpreis 1990) Hunde, Katzen und Kaninchen für ihre bahnbrechenden Arbeiten zur Transplantation von Organen. Und der Pionier der Herztransplantation, Christiaan Barnard, führte Studien an Pavianen und Ratten durch. Auch heute noch werden experimentelle Transplantationsstudien an Tieren einschließlich Affen durchgeführt, um die medizinischen Verfahren und damit die Überlebenschancen der behandelten Menschen weiter zu verbessern. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation gibt an, dass seit 1963 mehr als 103 000 Transplantationen von Herzen, Nieren, Lebern, Lungen und Bauchspeicheldrüsen allein in Deutschland durchgeführt wurden (http:// www.dso.de/grafiken/g27.html) – mehr als 5000 davon im Jahr 2010. Bedrückend jedoch: Der Bedarf für das Jahr 2010 war leider noch viel größer, etwa 12 000 Transplantate werden allein in Deutschland benötigt, um alle Patienten auf den Wartelisten behandeln zu können. Jedes einzelne Transplantat ist also extrem wertvoll, und es muss ausgewählt werden, welcher der vielen todkranken Menschen ein Privileg in Form eines Spenderorgans erhält und welcher Patient mit einem akut hohen Sterberisiko nicht versorgt werden kann.

 

Vor diesem Hintergrund muss schon aus ethischen Erwägungen das beste verfügbare Verfahren zur Transplantation genutzt werden – und nach Verbesserungen der Transplantationsverfahren zur weiteren Steigerung der Erfolgsraten gesucht werden. Und dies kann in manchen Fällen nur in Experimenten am Tier erfolgen. Wer also das Leben von Menschen und Tieren nicht gleich bewertet und Tieren nicht grundsätzlich und kategorisch denselben Schutzstatus zubilligt wie dem Menschen, der sollte hier einen großen Nutzen von Tierversuchen sehen können. Wer alles Leben jedoch gleich bewertet und die Nutzung (und auch Tötung) von Tieren zum Erhalt menschlichen Lebens ablehnt, der sollte dann auch gegenüber jedem Patienten, der auf ein Spenderorgan wartet, vertreten, dass die Therapie, auf die er hofft, unethisch ist, da ihre Entwicklung auf der Nutzung und Tötung von Tieren basiert.

Neue Therapieoptionen durch Stammzellen?

Zu einer weiteren großen therapeutischen Innovation könnte sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die Stammzelltherapie entwickeln. Wenn dieses Therapiekonzept auf breiter Front den Weg in die klinische Anwendung schafft, wird es die Humanmedizin voraussichtlich noch bedeutend stärker prägen, als es die Organtransplantation getan hat. Embryonale Stammzellen (embryonic stem cells; ESC) gelten als Alleskönner. Sie werden aus einem sehr frühen Embryonalstadium isoliert. In diesem Stadium sind die Zellen des Embryos noch nicht auf bestimmte Funktionen spezialisiert; sie sind undifferenziert. Sie haben jedoch das Potenzial, sich zu allen spezialisierten Zellen des erwachsenen Körpers zu entwickeln, wie beispielsweise Herzmuskel-, Nerven-, Blut- und Leberzellen. Diese Fähigkeit besitzen nicht nur die Zellen des intakten frühen Embryos, sondern auch aus frühen Embryonen isolierte und dann in Zellkultur gehaltene ESC. Man kann also auch in Zellkultur (in vitro) aus den unspezialisierten ESC spezialisierte Zellen wie Herzmuskel-, Nerven- oder Blutzellen erhalten.

 

Seit wenigen Jahren kann man mit Hilfe molekularbiologischer Tricks aus der Haut oder aus dem Blut Zellen erhalten, die den ESC sehr ähnlich sind und für deren Gewinnung keine Embryonen benötigt werden. Auch diese sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen sind wie die ESC Alleskönner. Die aktuelle Forschung an pluripotenten Stammzellen richtet sich großenteils auf die Zellersatztherapie. Das heißt, mit Hilfe von pluripotenten Zellen sollen Erkrankungen, die mit Zelldegeneration oder -verlust einhergehen, gelindert oder sogar geheilt werden. Im Fokus der Forschung sind beispielsweise Typ-I-Diabetes, bei dem die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört werden, Herzinfarkt, bei dem Herzmuskelzellen wegen Sauerstoffmangel zugrunde gehen, oder die Parkinson-Erkrankung, bei der bestimmte Nervenzellen im Stammhirn degenerieren. Die vom Ansatz her einfache Idee dabei ist, die im Verlauf der Erkrankung verlorenen (degenerierten) spezialisierten Zellen durch in vitro aus pluripotenten Stammzellen hergestellte Zellen zu ersetzen. Bei Mäusen konnte beispielsweise Diabetes schon erfolgreich behandelt werden.

 

So verlockend und vielversprechend diese Arbeiten bisher sind: Bis zu einem möglichen klinischen Routineeinsatz ist es noch ein weiter Weg, da es noch Probleme zu lösen gilt. So müssen die Gefahr einer Tumorbildung ausgeschlossen und erfolgreiche funktionelle Integration der Zellen sichergestellt sein. Ferner verdient der Aspekt der Immunabwehr Beachtung. Aus der Transplantationsmedizin ist bekannt, dass transplantierte Organe vom Immunsystem des Empfängers attackiert und abgestoßen werden, da sie als «fremd» erkannt werden. Dies gilt leider ebenso für im Rahmen einer Zellersatztherapie in einen Körper eingebrachte Ersatzzellen. All diese Fragen und Probleme auf dem Weg zu einer Anwendung der Zellersatztherapie am Menschen können letztendlich nur im präklinischen Test beantwortet werden. Und auch hier gilt, dass die Tests nur so gut und aussagekräftig sein können wie das verwendete «Testsystem». Und hier sind Affen für viele humanmedizinische Fragestellungen die besten, weil aussagekräftigsten, Tierarten. Bevor man also eine Stammzelltherapie bei einem Patienten einsetzt, muss sie im Hinblick auf ihre Wirksamkeit sowie ihre Sicherheit an Tieren, aus naturwissenschaftlicher Sicht im Idealfall an Affen, getestet werden. In aller Kürze dafür drei Gründe:

 

  • 1. Pluripotente Stammzellen der Affen und des Menschen unterscheiden sich von denen der Mäuse deutlich. Wer also etwas über Stammzellen des Menschen lernen möchte, kann bei Arbeiten mit Stammzellen von Mäusen schnell in die Irre geführt werden.
  • 2. Die Immunsysteme der Primaten, zu denen Affen und der Mensch zählen, und die der Mäuse unterscheiden sich klar. Wer also etwas über die Abstoßungsreaktion transplantierter Zellen bei Patienten lernen möchte, ist auf Tierversuche mit Affen angewiesen.
  • 3. Es kann mehrere Jahre dauern, bis von Stammzellen ausgelöste Tumore entstehen und diagnostiziert werden können. Um diese Zeitspannen überhaupt beobachten und somit die langfristige Sicherheit eines Verfahrens überprüfen zu können, muss das Tier auch eine entsprechend lange Lebensdauer haben. Mäuse werden höchstens zwei Jahre alt, Affen dagegen weit mehr als zehn Jahre.

Bei der Diskussion solcher Arbeiten muss dem Leser klar sein, dass die Forscher hier keinesfalls «einfach mal so ins Blaue hinein» Experimente durchführen. Alle Studien werden vor Beginn sorgfältig geplant und bei der zuständigen Behörde beantragt. Die Behörde wird bei der Prüfung der Anträge von einer Kommission beraten, zu der auch Vertreter des Tierschutzes gehören. Erst nach Genehmigung durch die Behörde wird das Experiment unter Aufsicht von Tierärzten und/oder Tierschutzbeauftragten durchgeführt. Im Fall von experimentellen Zellersatztherapie-Studien würden die Tiere nach Abschluss der Versuchsdauer schmerzlos eingeschläfert (wie es auch in tierärztlichen Praxen tagtäglich geschieht), um die Effekte der präklinischen Therapieansätze auch auf geweblicher, zellulärer und molekularer Ebene untersuchen zu können. Es muss also auch in diesem Szenario abgewogen werden zwischen den erwarteten Leiden der Tiere sowie ihrer Einschläferung einerseits und andererseits dem Nutzen, der in Aussicht steht.

 

Meine persönliche Einschätzung der Situation bei Abwägung aller erkennbaren Vor- und Nachteile ist, dass präklinische Studien an Affen zur Überprüfung der Sicherheit und Wirksamkeit von Zellersatztherapien vertretbar sind, da diese Experimente möglicherweise helfen, vielen Menschen mit schwerwiegenden Erkrankungen Linderung von Leiden, im Idealfall sogar Heilung, zu bieten. Dabei möchte ich an dieser Stelle als Stammzellforscher klar sagen, dass heute aus meiner Sicht niemand garantieren kann, dass zukünftig Patienten mit Hilfe einer Stammzelltherapie routinemäßig geholfen werden kann. Es spricht heute jedoch nichts Grundsätzliches dagegen, dass diese noch im experimentellen Stadium befindliche Therapieform ein Durchbruch für die Behandlung von einer Reihe schwerwiegender Erkrankungen wird. Was aus Sicht des Verfassers fehlt, sind aussagekräftige präklinische Studien in Tiermodellen, die letztlich den experimentellen Beleg bieten, dass die Therapie in ihrer Gesamtheit sicher und wirksam sein kann.

Neue Tiermodelle für die Erforschung von Erkrankungen des Menschen

Ich habe meinen Zivildienst in der Krankenpflege auf einer Station für gerontopsychiatrische Patientinnen abgeleistet und völlig demente, depressive und jahrelang bettlägerige Menschen gepflegt und sterben sehen. Das Leid, das ich dort beispielsweise bei Alzheimer-Patienten und ihren Angehörigen erlebt habe, war für mich prägend.

 

Morbus Alzheimer ist eine langsam, aber unaufhaltsam fortschreitende Demenzerkrankung typischerweise älterer Menschen, die nach Diagnosestellung zumeist innerhalb von sechs bis zehn Jahren zum Tod führt. Die Angehörigen leiden dabei ebenso wie die Erkrankten selbst. Von Alzheimer betroffen sind nach aktuellen Schätzungen allein in Deutschland heute schon etwa 1,2 Millionen zumeist ältere Menschen. Aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung werden zukünftig immer mehr Menschen unter Alzheimer leiden. Neben dem individuellen Schicksal der Erkrankten stellt die Erkrankung vor dem Hintergrund der Wandlung der Alterspyramide in einen «Altersballon» (das heißt, die zahlenmäßig schwachen jungen Jahrgänge tragen einen Ballon zahlenmäßig starker alter und ältester Jahrgänge über sich) auch eine enorme gesundheitspolitische und ökonomische Herausforderung dar. Aber letztlich schon allein aufgrund der individuellen Schicksale der Erkrankten sowie ihrer Angehörigen sehe ich eine große Verpflichtung der Ärzte, Forscher und der Gesellschaft, diesen Patienten so gut wie möglich zu helfen. Dazu sind unter anderem auch Tierversuche nötig, und zwar mit einer Tierart, die komplexe kognitive Leistungen erbringen und ein genügend hohes Alter erreichen kann, um einen Krankheitsverlauf über mehrere Jahre beobachten zu können. Für neurologische Erkrankungen einschließlich Morbus Alzheimer, der Schüttellähmung (Morbus Parkinson) oder dem sogenannten Veitstanz (Chorea Huntington) sind daher Primaten sehr aufschlussreiche Versuchstiere.

 

Eine Methode, mit der einzelne isolierte und charakterisierte menschliche Gene in das Genom von Tieren eingeschleust werden, könnte hier in Zukunft eine größere Rolle spielen. Beispielsweise könnten diejenigen Gene in das Affengenom eingeführt werden, die beim Menschen Morbus Parkinson oder den Veitstanz hervorrufen. Man würde dann davon ausgehen, dass auch die Affen diese Krankheit entwickeln. Während man beim Menschen jedoch nicht an die erkrankten Zellen und Gewebe gelangen kann (Wer würde einer Gewebeentnahme, besonders aus dem Gehirn von lebenden Patienten, zustimmen? – Zu Recht wohl niemand!), ist diese Option bei Tieren nach Einschläferung denk- und realisierbar. Dabei muss klargestellt werden, dass kein Patient und kein Mensch genetisch verändert werden soll. Die Einbringung zusätzlicher Gene in das Genom der Affen hat allein den Zweck, neue Modelle zu schaffen, in denen sich die Entstehung und möglicherweise auch die experimentelle Behandlung einer Erkrankung besser untersuchen und verstehen lassen. Mir ist bewusst, dass der Gedanke, ein zusätzliches Gen in einen Affen einzubringen, bei vielen Menschen großes Unbehagen und Abneigung hervorruft. Doch diese Tiere, die es in den USA, Japan und China schon gibt, sind per se keine «Unwesen». Ein neutraler Beobachter könnte die Tiere, die z.B. das Gen für das sogenannte Grün-fluoreszierende Protein (GFP) in sich tragen, nicht von den unveränderten Geschwistern unterscheiden.

 

Sind die Verwendung und Tötung von Tieren einschließlich Affen unethisch, wenn ich damit einen möglichen Weg zum besseren Verständnis von schwerwiegenden Erkrankungen des Menschen gehen kann? Oder wäre im Gegenteil gerade das ein unethisches Handeln, wenn ich mich nicht auf einen möglichen, wenn auch sehr langen Weg zur Behandlung von Patienten begebe? Ist also sogar das Unterlassen der Arbeiten an aussagekräftigen Tiermodellen unethisch? Ich habe mir diese Fragen gestellt und die Argumente für mich abgewogen. Sicherlich auch stark beeinflusst durch meine persönlichen Erfahrungen im Umgang mit stark leidenden und sterbenden Patienten bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die Verwendung von Tieren einschließlich Affen zur Erforschung schwerwiegender Erkrankungen zu rechtfertigen ist. Welcher Meinung sind Sie?

Die so genannte Grundlagenforschung – warum ist sie so wichtig?

In neuerer Zeit ist an Forscher, die Tierversuche durchführen, öfter die Frage gerichtet worden, wielange es dauere, bis ihre Arbeit einen klinischen Fortschritterbringen würde. Dabei werden Zeiträumevon drei bis zehn Jahren diskutiert. Einen klinischverwertbaren «Output» von Tierexperimenten in einem solch kurzen Zeitraum zu verlangen, ist jedoch kontraproduktiv. Und genauso ist es unsinnig, die sogenannte «reine Grundlagenforschung» von der angewandten (klinischen) Forschung zu trennen, denn aus «Grundlagenexperimenten» erwachsen oft erst die Erkenntnisse und Ideen der klinischen Anwendungen. So erhielt der Transplantationspionier Alexis Carrel den Nobelpreis für Medizin und Physiologie im Jahr 1912 für Arbeiten, die er in den Jahren zuvor an Hunden und Katzen durchgeführt hatte. Es dauerte aber mehr als 50 weitere Jahre, bis die Organtransplantation erfolgreich Einzug in die Klinik hielt. Ist es da nicht verwunderlich, wenn heute die «Klinikreife» von Forschungsarbeiten an Tieren innerhalb weniger Jahre verlangt wird?

 

Ein weiteres Bespiel ist die Stammzellforschung. Heute diskutieren wir, wie wir der Zellersatztherapie den Weg in die Klinik bahnen können. Heute! Begonnen haben diese Arbeiten zu pluripotenten Stammzellen jedoch in den 50er- und frühen 60er- Jahren des letzten Jahrhunderts, als in den Hoden eines Mausstamms gehäuft Tumore, die sogenannten Teratome, beobachtet wurden, die noch viele Eigenschaften der Zellen von frühen Embryonen aufwiesen. Diese Forschung würde heute ganz sicher mit dem Etikett «reine Grundlagenforschung» versehen. Vor 30 Jahren wurden dann die ersten «echten» embryonalen Stammzellen der Maus beschrieben. Und 17 beziehungsweise 14 Jahre ist es her, dass die ersten embryonalen Stammzellen des Affen und des Menschen publiziert wurden. Im Jahr 2009 wurden dann drei Forscher aus den USA und England für ihre bahnbrechenden Entdeckungen im Bereich embryonaler Stammzellen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

 

Von der ersten grundlagenwissenschaftlichen Bearbeitung einer Fragestellung bis in die klinische Anwendung können demnach also bei großen Innovationen viele Jahrzehnte vergehen. Wenn heute also sehr restriktiv mit der Genehmigung von Tierversuchen im sogenannten Grundlagenforschungsbereich umgegangen wird, wird man die Konsequenzen wohl erst in mehreren Jahrzehnten spüren. Wer die Pipeline der medizinischen Innovation – zumindest in vielen Bereichen – nicht leerlaufen lassen möchte, sollte gut darüber nachdenken, ob nicht auch die Grundlagenforschung sehr sinnvoll und langfristig für den Menschen nützlich ist. In jedem Fall aber zeugt die Aussage, dass «die Erhaltung oder der Schutz des Lebens und der Gesundheit der Menschen gewichtiger (sind) als die Erkenntnisse über grundlegende Lebensvorgänge» (wie es in einem Urteil des Schweizer Bundesgerichts zu Versuchen an Affen heißt), von wenig Kenntnis über die Entstehung großer Durchbrüche in der medizinischen Forschung.

zuerst erschienen auf www.forschung-leben.ch


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich willige ein, dass meine Daten zur Bearbeitung des Anliegens gespeichert und verarbeitet werden.
(Sie haben jederzeit die Möglichkeit eine Auskunft über die Art der gespeicherten Daten zu erhalten, die Einwilligung zu wiederrufen, die Daten zu korrigieren oder zu löschen. Nähere Informationen entnehmen Sie bitte unserer Datenschutzerklärung ) .