„Wissenschaft muss durch gute Wissenschaft überzeugen”

„Wissenschaft muss durch gute Wissenschaft überzeugen”

Julia Koch, Wissenschaftsredakteurin beim Spiegel, glaubt, dass mehr Transparenz seitens der Wissenschaft nicht zu mehr Protesten führt. Foto Jan Helge Petri / Der Spiegel

Wissenschaftler und Bürger gehen am Samstag, 4. Mai, in vielen Städten auf die Straße, um ein Zeichen gegen eine zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit zu setzen. Der March for Science ist als Antwort auf den Begriff „Alternative Facts“ ins Leben gerufen worden. Aus Sicht einer Wissenschaftsjournalistin spricht Julia Koch, Redakteurin des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, im Interview mit „Tierversuche verstehen“ darüber, wie sich alternative Fakten entlarven lassen, welche Rolle die sozialen Medien spielen und warum es wichtig ist, dass Wissenschaftler sich nicht abschotten.

Wie hat sich die Wissenschaftskommunikation in den vergangenen Jahren verändert?
Julia Koch: Von Seiten der Wissenschaftler erlebe ich als stärkste Veränderung die Nutzung der sozialen Medien, vor allem Twitter. Inzwischen schaue ich zu Beginn jeder Recherche auch dort, was sich Aktuelles zum Thema findet. Dabei fällt auf, dass der Dialog – anders als bei anderen Themen z.B. auf Twitter – fast immer sachlich und unter Fachleuten verläuft, das heißt, viele Forscher machen über ihren eigenen Twitter-Account auf eigene Veröffentlichungen oder auf solche aus ihrem Gebiet aufmerksam oder üben Kritik an aus ihrer Sicht angreifbaren Veröffentlichungen. Das ist für meine Arbeit inzwischen eine gute zusätzliche Quelle. Darüber hinaus beobachte ich in den letzten Jahren keine wesentlichen Veränderungen.

Ist es für Journalisten schwieriger geworden, die Wahrhaftigkeit wissenschaftlicher Aussagen zu prüfen?
Koch: Sofern die Aussagen von seriösen Quellen wie Fachjournalen, den Forschern selbst oder den Pressestellen wissenschaftlicher Einrichtungen kommen, ist es nicht schwieriger geworden. Einen eher nicht von einem großen Publikum wahrgenommenen Vertrauensverlust haben wissenschaftliche Veröffentlichungen vor einiger Zeit durch die Diskussion um so genannte Predatory Journals („Fake Science“) bekommen, aber das betraf nur eine kleine Zahl von Veröffentlichungen.

Wissenschaftliche Aussagen aus anderen Quellen wie Lobbygruppen etc. sind meist als interessengeleitet zu erkennen, so dass sich deren Wahrhaftigkeit durch die Nachfrage nach Studien und anderen Primärquellen gut einschätzen lässt.

Wie kann man Desinformationen wieder einfangen?
Koch: Es kommt darauf an, woher die Desinformation kommt, und auch hier spielen die sozialen Medien eine große Rolle. Inzwischen kann jeder im Internet Informationen finden, die ins eigene Weltbild passen, Impfgegner finden angebliche Belege für die Gefahren des Impfens, Homöopathie-Fans finden sie für die Wirkung von so genannter Alternativmedizin, und wer nicht an den Klimawandel „glaubt“, kann sich auch das bestätigen lassen. „Einfangen“ lässt sich das gar nicht. Wir als Publikumspresse können nur den Stand der Wissenschaft so gut wie möglich belegen und immer wieder erläutern, warum manche Behauptungen falsch, nicht belegbar und gefährlich sind. Wer aber heute etwas Bestimmtes glauben will, für den ist es einfacher als vor zehn Jahren, dafür Pseudobelege zusammenzugooglen.

In der Großeltern-Generation gab es noch so etwas wie eine Wissenschaftsgläubigkeit. Wenn der Herr Doktor etwas sagte, dann hatte das Gewicht. Warum ist die Autorität der Wissenschaftler anscheinend auf der Strecke geblieben?
Koch: Ich weiß gar nicht, ob das so allgemein zutrifft, zumal in der Medizin. Skepsis hat es immer gegeben, und das ist auch gut so, aber heute erleben wir beispielsweise, dass viele Menschen eher zu oft zum Arzt gehen mit Fragen, vor allem in der Pädiatrie (Kinderheilkunde, A.d.R.), die unsere Großeltern locker selbst hätten beantworten können.

Das Hinterfragen von Autorität bekommt Nahrung, weil sich jeder im Internet informieren kann, zum Beispiel auch über Therapien und neue Medikamente, die einige Patienten dann beim Arzt einfordern, oder sie kommen mit einer Diagnose, die sie selbst anhand von Informationen aus dem Netz gestellt haben.

Wie kann es der Wissenschaft gelingen, diese zurückzugewinnen?
Koch: Die Wissenschaft muss nicht durch unantastbare Autorität überzeugen, sondern durch gute Wissenschaft. Die meisten Wissenschaftler leisten diese ja ohnehin, so dass es darauf ankommt, darüber zu informieren, vielleicht mehr auf anderen Wegen, als auf Fachkonferenzen unter Kollegen. Nicht jeder Forscher muss in Talkshows sitzen oder populärwissenschaftliche Bestseller schreiben, aber generell sind die Menschen fasziniert von Natur, Technik, dem Weltall…. Wissenschaftler sollten als Menschen wahrnehmbare Personen sein, den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen über öffentliche Vorträge an ihren Institutionen, an Schulen, vielleicht sogar an Kitas. Der bundesweite Erfolg der Kinder-Unis, der immer noch anhält, zeigt ja, dass das gern angenommen wird. Ein fruchtbares Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit lässt sich am besten aufbauen, wenn man früh damit anfängt, also: Vergesst die Kinder nicht!

Gerade das Thema Tierversuche ist sehr emotional besetzt. Aus Angst vor privaten negativen Auswirkungen äußert sich manch ein Wissenschaftler, der an Tieren forscht, oft nur sehr ungern in der Öffentlichkeit. Das wiederum wird als Abschottung und Verheimlichung gewertet. Wie lässt sich ein solcher Teufelskreis durchbrechen?
Koch: Das geht nur, indem man sich bewusst von der Abschottung lossagt. Bei meiner Recherche zum Thema Tierversuche habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Wissenschaft hier auf einem guten Weg ist. Die meisten Menschen empfinden eine intuitive Ablehnung gegenüber Tierversuchen. Das wird sich kaum ändern lassen und ist ja auch eine verständliche Reaktion. Ändern kann man aber die große Unwissenheit darüber, was genau bei Tierversuchen gemacht wird, welche Erkenntnisse wir ihnen verdanken, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Tierversuche überhaupt genehmigt werden, und welche Versuche wegen neuer Methoden inzwischen nicht mehr nötig sind. Das ist ja auch das, was Tierversuche verstehen leisten möchte.

Viele Wissenschaftler, die offensiv mit dem Thema umgehen, haben die Erfahrung gemacht, dass mehr Transparenz nicht zu mehr Protest führt. Wer sich Fragen stellt oder regelmäßige Diskussionsveranstaltungen anbietet, kann auch besser argumentieren gegenüber „Undercover“-Recherchen mit heimlich gefilmten angeblichen Missständen. Denn gegenwärtig argumentieren Tierschützer ja damit, dass sie so etwas machen müssen, weil manche Wissenschaftler im Geheimen Tiere quälen. Wenn Menschen Tierversuche grundsätzlich ablehnen, womöglich auch radikal, dann ist das zu akzeptieren und nicht zu ändern. Allerdings würde dies konsequenterweise auch den Verzicht auf Fleisch und andere tierische Produkte bedeuten, denn daraus ergibt sich ja noch nicht mal ein möglicher Nutzen für die Allgemeinheit. Auf solche ethischen Fallstricke kann man in der Diskussion hinweisen, allerdings nicht allzu belehrend.

Und wenn ein einzelner Wissenschaftler unter persönlichen Beschuss von so genannten Tierschützern gerät, dann muss seine Institution sich ohne Vorbehalte vor ihn stellen und auch andere Forscher sollten ihm öffentlich beispringen. Die wissenschaftliche Community sollte in solchen Fällen mehr Gesicht zeigen und klar machen, dass dieser Umgang mit einzelnen Forschern und womöglich deren Familien nicht toleriert wird. Das ist nach meiner Wahrnehmung in einigen der aufsehenerregenden Fälle, vor allem zuletzt in Tübingen, so nicht geschehen.

Wissenschaftliche Fakten werden von Interessengruppen für eigene Zwecke genutzt – wie gehen Sie als Journalistin damit um?
Koch: Als Journalistin bewerte ich grundsätzlich jede Information auch danach, welches Interesse der Informant verfolgt. Wie oben ausgeführt, sind wir als Wissenschaftsjournalisten aber meist in der komfortablen Lage, dass wir für wissenschaftliche Fakten Belege heranziehen können, etwa in Form von geprüften Veröffentlichungen. Zu unserer Arbeit gehört auch, zu hinterfragen, ob sich Wissenschaftler selbst in Interessenkonflikten befinden, von wem sie also zum Beispiel Fördergelder bekommen oder ob sie Firmen beraten.

Lobbygruppen, Verbände, Parteien etc., die ihre Forderungen mit wissenschaftlichen Fakten untermauern, sind in der Regel als solche zu erkennen, so dass wir deren Aussagen im Bezug auf wissenschaftliche Fakten nicht ungeprüft übernehmen. Beim SPIEGEL verhindert das auch die Dokumentationsabteilung, deren Faktenchecker vor einer Veröffentlichung stets Belege fordern.

Die Gesellschaft möchte möglichst allgemeingültige Wahrheiten. Wie gelingt es teils komplizierte Fakten in wissenschaftsjournalistischen Artikeln so zu verdichten, dass sie korrekt sind, die Artikel jedoch zugleich interessant und lesbar bleiben?
Koch: Wissenschaft ist spannend und wichtig, sie ist die Grundlage von allem Fortschritt, dem Umgang mit unserem Planeten und der Zukunft unserer Kinder. Um wissenschaftliche Erkenntnisse so darzustellen, dass auch Laien sie gerne und mit Gewinn lesen, müssen wir als Wissenschaftsjournalisten sie vor allem erst einmal selbst verstanden haben. Es ist deswegen nicht schlecht, ein paar Gebiete zu haben, auf denen man sich gut auskennt. Interessant und lesbar werden unsere Artikel auch dadurch, dass darin Menschen eine Rolle spielen. Das können Patienten sein, die von einer möglichen Therapie profitieren würden, aber auch die Wissenschaftler selbst, die uns als Journalisten und damit auch dem Leser ihren Forschungsgegenstand anders erklären als sie das gegenüber ihren Fachkollegen tun würden.


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