
Mäuse sind mit Abstand die am häufigsten eingesetzten Versuchstiere in Deutschland: 2024 machten sie einen Anteil von 77 Prozent aus. Doch wie sieht ihr Alltag im Labor aus? Reicht ein Standard-Käfig mit Futter, Wasser, Einstreu und Nistmaterial aus, damit sich eine Maus wohlfühlen kann? Und welche Rolle spielen Platz, Sozialkontakte und Beschäftigungsmöglichkeiten? Unsere wissenschaftliche Hilfskraft Fabienne Gerber aus dem Redaktionsteam von Tierversuche verstehen hat sich am Deutschen Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) auf die Suche nach Antworten gemacht. Im Gespräch mit Prof. Dr. Lars Lewejohann erfuhr sie, wie Labormäuse tatsächlich leben.
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Das erste Tier, das mir an diesem Tag begegnet, ist keine Maus. Es summt. Eigentlich bin ich mit Prof. Lars Lewejohann verabredet, um mehr über das Leben von Labormäusen zu erfahren. Doch als ich in Berlin am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ankomme, wartet erstmal eine ganz andere Aufgabe. Ein Mann mit weißem Imkeranzug unter dem Arm kommt mir entgegen. „Wir müssen noch schnell ein Bienenvolk einfangen“, sagt er und lächelt. Gemeinsam laufen wir über das Gelände. Bevor wir überhaupt über Mäuse sprechen, fängt der Verhaltensbiologe erstmal ein ausgeschwärmtes Bienenvolk ein. Erst nach diesem kleinen Zwischenstopp gehen wir in das Gebäude, in dem Lewejohann zur Haltung von Labormäusen forscht. Er leitet am BfR die Fachgruppe „Verhalten von Versuchstieren und Refinement“. Am Eingang bittet er mich, meine Schuhe in einer Schuhputzmaschine zu säubern. Obwohl ich den Tieren gar nicht nahekomme, ist das nötig, damit möglichst wenige Keime in das Gebäude hineingelangen.
Bevor es aber zu den Mäusen geht, führt mich Lewejohann in sein Büro. Hier stapeln sich Fachbücher und Notizzettel. Dazwischen liegen Kunststoffröhrchen, Holzelemente und anderes Käfigzubehör. Neben dem Tisch stehen mehrere Modelle verschiedener Mauskäfige. Die hat Lewejohann bereits für unser Gespräch rausgesucht. Er nimmt einen mittelgroßen Käfig in die Hand. Das sei der gängigste Käfigtyp. Mit etwa 530 cm² ist er nur wenig größer als die vorgeschriebene Mindestfläche. „Wie lebt eine Maus im Labor?“, wiederholt Lewejohann meine erste Frage. „Es gibt keine Standardantwort auf diese Frage.“ Tatsächlich unterscheiden sich die Haltungsbedingungen je nach Einrichtung und Forschungsprojekt.

Jedoch gibt es verbindliche Vorgaben: Lewejohann zeigt mir auf seinem Bildschirm die europäische Richtlinie zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere. Sie schreibt Mindestanforderungen für Käfiggröße, Besatzdichte und Ausstattung vor. In einem typischen Käfig leben mehrere Mäuse zusammen, die sozialen Tiere dürfen nicht ohne guten Grund einzeln gehalten werden. Sie finden dort Einstreu, Nistmaterial, Futter und Wasser. Außerdem ist zusätzliches Beschäftigungsmaterial vorgesehen, sogenanntes Enrichment. Darunter versteht man geeignete Materialien und Strukturen im Käfig, die natürliches Verhalten fördern und das Wohlbefinden der Tiere verbessern sollen. Doch was Mäuse zum Wohlbefinden tatsächlich brauchen, ist nicht so genau festgelegt. Mit dem Finger fährt Lewejohann über eine Formulierung auf dem Bildschirm. „Das sind zum Teil unbestimmte Begriffe“, sagt er. „Was genau ausreichend Platz bedeutet, lassen die Richtlinien oft offen.“
Lewejohann zeigt auf den Käfig und merkt an: „Wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Mindestangaben nicht ausreichen.“ Wie viel Platz eine Maus braucht, lässt sich nämlich nicht allein in Quadratzentimetern beantworten. Entscheidend ist, ob sie ihre natürlichen Bedürfnisse ausleben kann. Dazu gehören Sozialkontakte, das Erkunden ihrer Umgebung, Klettern, das Anlegen von Nestern und das Zurückziehen in geschützte Bereiche. Eine Maus, die sich wohlfühlt, zeigt ein breites Verhaltensrepertoire: Sie bewegt sich, pflegt ihr Fell, kommuniziert mit Artgenossen und baut Nester. „Wenn wir keine Anzeichen für schlechtes Wohlergehen sehen, kann das ein Zeichen für gutes Wohlergehen sein“, erklärt Lewejohann. Doch das ist nicht immer eindeutig. Die Forschung sucht deshalb nach möglichst objektiven Messgrößen für das Wohlbefinden der Maus. Dazu gehören beispielsweise eine veränderte Stressantwort, auffälliges Verhalten oder die Qualität gebauter Nester. Auch die sogenannte „Mouse Grimace Scale“ kann zum Einsatz kommen, um Wohlbefinden zu messen. Sie ist ein Leitfaden für Forschende, um eine Maus mit Schmerzen oder Stress anhand kleiner Veränderungen der Gesichtszüge zu erkennen.

Während wir sprechen, steckt immer mal wieder jemand den Kopf durch die Bürotür. Einer der Köpfe gehört zu einem Wissenschaftler, der uns ins Nachbarbüro mitnimmt. Dort will er mir sein Projekt zeigen. Im Büro sitzen weitere Wissenschaftler*innen, an den Wänden hängen Poster über ihre Forschung. Zu sehen sind dort Ideen und Forschungsprojekte, mit denen das BfR die Haltung von Labormäusen verbessern möchte. Der Wissenschaftler stellt mir sein Projekt vor. Sechs große Käfigmodule sind dabei durch Röhren miteinander verbunden. Die Mäuse können selbst entscheiden, in welchem Bereich sie sich aufhalten möchten. Außerdem registrieren Sensoren ihre Wege, und Mikrofone zeichnen ihre Lautäußerungen auf. So wollen die Forschenden besser verstehen, wo sich die Mäuse bevorzugt aufhalten.
Und dann geht es zu den Mäusen. Wir laufen durch einen langen Flur mit vielen Türen, die allesamt ein kleines Fenster haben. Die Mäuse sollen nicht gestört werden. Durch eine Glasscheibe darf ich einen Blick in den Raum werfen, in dem das neue Käfigmodell zum Testen steht. Viel ist allerdings nicht zu sehen. Durch die Glasscheibe suche ich zunächst vergeblich nach Bewegung im Käfig. Dann huscht eine einzelne Maus kurz umher und verschwindet wieder. Die anderen schlafen in ihren Häuschen, schließlich sind Mäuse nachtaktiv.
Wenig später zeigt mir Lewejohann ein weiteres Käfigsystem. Es ist noch unbewohnt und befindet sich in der Entwicklung. Auf den ersten Blick sieht die Anlage aus wie die klassischen gestapelten Mauskäfige, die man von Bildern aus der Labortierhaltung kennt. Erst beim genaueren Hinsehen fallen die Verbindungsröhren auf. Mehrere Standardkäfige lassen sich so zu einer größeren Anlage zusammenschließen. Die Idee dahinter ist pragmatisch: Bestehende Käfigsysteme könnten nachgerüstet werden. Laut Lewejohann ein wichtiger Punkt, schließlich müssten Tierwohl, Forschungsalltag und letztlich auch Wirtschaftlichkeit miteinander vereinbart werden. So entstünde mit überschaubarem Aufwand mehr Platz für die Tiere mit zusätzlichen Beschäftigungsmöglichkeiten.
Denn genau darin liegt eine der größten Herausforderungen. „Bei der vorgegebenen Mindestgröße ist es schwer, genug Enrichment zur Verfügung zu stellen“, sagt Lewejohann. Mehr Platz allein löse zwar nicht jedes Problem, aber abwechslungsreiche Beschäftigungsmöglichkeiten seien für die Maus essenziell. Untersuchungen zeigen, dass Mäuse in reizarmen Umgebungen Anzeichen von Langeweile zeigen. Forschende beobachten dann zum Beispiel, dass die Tiere „inactive but awake“ sind. Sie sind wach, beschäftigen sich aber nicht mit ihrer Umgebung. Anders als in freier Wildbahn müssen sie im Labor weder nach Nahrung suchen noch vor Feinden fliehen. Ihr Tagesablauf verändert sich kaum.

Warum sind Mauskäfige also nicht einfach größer? Das wäre laut Lewejohann wünschenswert, ist aber aktuell noch nicht der Standard. Größere Anlagen benötigen mehr Platz in den Tierhäusern, erschweren manche Arbeitsabläufe und verändern die Bedingungen, unter denen wissenschaftliche Versuche stattfinden. Tierpflege, Hygiene, Standardisierung und Forschung müssen ebenso berücksichtigt werden wie die Bedürfnisse der Tiere. Verbesserungen sind deshalb oft das Ergebnis vieler kleiner Schritte.
Als ich das Institut verlasse, sind die Bienen in einem neuen Kasten. Auch die Mäuse schlafen weiter hinter den Türen des Tierhauses. Die Frage, wie viel Platz eine Maus braucht, lässt sich nach diesem Besuch nicht mit einer klaren Zahl beantworten. Ein größerer Käfig allein macht noch keine tiergerechte Haltung aus. Mäuse benötigen eine strukturreiche Umgebung, in der sie graben, klettern, erkunden und sich zurückziehen können. Das bieten einige Käfigsysteme heute schon, wenn auch oft auf geringem Raum. Wie sich die Bedürfnisse der Tiere noch besser verstehen und wissenschaftliche Erkenntnisse in praxistaugliche Verbesserungen der Labortierhaltung überführen lassen, sind Fragen aus einem aktiven Forschungsfeld, das stetig neue Erkenntnisse für weitere Verbesserungen liefert.