Von der Nische ins Klassenzimmer – Lernstoff Tierversuche

Tierversuche sind für viele ein Reizwort. Und doch sind sie ein derzeit noch unverzichtbarer Bestandteil der Wissenschaft. Diese beiden Pole treffen an einem Ort zusammen, an dem Meinungsbildung aktiv gefördert wird – der Schule. Im Biologieunterricht liefert das Thema den Faktenkern: Welche Tiere werden eingesetzt? Zu welchem Zweck? Was sagen die Zahlen? Im Ethikunterricht kommt die Abwägung hinzu: Wann ist ein Tierversuch vertretbar? Was bedeutet das 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refine) in der Praxis? Wie man ein solches Nischenthema in die Klassenzimmer bringt, erzählen die wissenschaftlichen Referenten der Initiative Tierversuche verstehen Dr. Laura Berg und Dr. Roman Stilling.

Als die Initiative Tierversuche verstehen vor rund zehn Jahren startete, fehlte in vielen Schulbüchern und Lehrplänen die wissenschaftliche Perspektive auf Tierversuche. Das verfügbare Unterrichtsmaterial stammte häufig aus dem Tierschutzkontext. So hatten sich manche Vereinfachungen und Mythen in die Wissensvermittlung eingeschlichen – etwa der Mythos von Tierversuchen in der Kosmetikindustrie.

Die Schule spielte als Zielgruppe von Anfang an eine wichtige Rolle. Uns fehlte allerdings zunächst der richtige Zugang.

Dr. Roman Stilling

„Die Schule spielte als Zielgruppe von Anfang an eine wichtige Rolle. Uns fehlte allerdings zunächst der richtige Zugang“, erinnert sich Dr. Roman Stilling an die ersten Jahre. Inzwischen hat er die Erfahrung gemacht, dass das Biologie-Buch der beste Weg ist, junge Menschen für das Thema zu sensibilisieren. „Es ist ein starkes Bio-Thema. Dort finden sich Themen wie Neurowissenschaften, Immunologie oder Genetik. Diese lassen sich sehr gut nutzen, um über Tierversuche zu sprechen. Viele heute so selbstverständlichen Erkenntnisse im Bio-Buch wurden irgendwann im Tierversuch untersucht.“

Dr. Roman Stilling

Immer die gleichen Fragen

Doch auch im Fach Ethik ist der Bedarf nach Lehrmaterial groß. Diese Erfahrung macht Dr. Laura Berg bei Gesprächen mit Lehrkräften wie z.B. auf der didacta. Auf der größten europäischen Bildungsmesse ist die Initiative seit 2023 regelmäßig mit einem Stand vertreten. Ein wichtiger Ort, um ins Gespräch zu kommen. „Wir erleben dort immer die gleichen Fragen: Seid ihr für oder gegen Tierversuche und wie steht ihr zu Tierversuchen für Kosmetik?“.

„Viele Lehrkräfte wissen nicht, wie sie in das Thema einsteigen sollen. Deshalb haben wir auf unserer Webseite einen Materialordner zusammengestellt – mit allem, was man braucht: Texte, Grafiken und Arbeitsblätter, einsatzbereit aufbereitet. Die Resonanz ist durchweg positiv“, sagt Berg. Das Material ist bisher auf Schüler*innen ab Klasse 9 ausgerichtet. Allerdings gebe es auch sehr viele Nachfragen von Grundschullehrer*innen nach Material. „Bei dieser Altersgruppe steht das Thema Tiernutzung und Tier-Mensch Beziehung im Allgemeinen im Vordergrund.“

Schüler*innen fragen nach Material

Dr. Laura Berg

„Wir erhalten sehr viele Anfragen von Schüler*innen. Die melden sich dann von selbst, weil sie Material für Referate, Präsentationen oder Abschlussarbeiten benötigen. Auch Anfragen für Interviews oder einen Bericht in einer Schülerzeitung haben wir schon gehabt“, sagt Stilling.

Die Schüler*innen sind es oft auch, die den Anstoß dazu geben, im Unterricht über Tierversuche zu sprechen.  „Wir hören immer wieder von Lehrkräften, dass die Klassen im Zusammenhang mit Tierverbrauch (z.B. Fleisch essen) oder Kosmetik auf das Thema Tierversuche zu sprechen kommen“, sagt Berg, die festgestellt hat, dass inzwischen auch die Lehrerkräfte von sich aus auf die Initiative zukommen. Auch Schulbuchverlage fragen längst Grafiken und Informationsmaterial an. „Wir sind in den vergangenen Jahren bekannter und etablierter geworden. Das hängt sicherlich auch mit „TdN“ zusammen.“

TdN: Einmalige Begegnungen mit Nobelpreisträger*innen

Die Abkürzung „TdN“ steht für den bundesweiten Schüler*innen-Wettbewerb „Triff den Nobelpreisträger! / Triff die Nobelpreisträgerin!“, den die Initiative 2017 ins Leben gerufen hat. Eine Idee, die durch Zufall entstand und weiterentwickelt wurde: Als der norwegische Medizin-Nobelpreisträger von 2014, Prof. Edvard Moser, nach Deutschland kommen sollte, wollte die Initiative die Gelegenheit nutzen, einen Nobelpreisträger mit Schüler*innen zusammenzubringen. Nur wie sollte das gelingen?  Die Initiative entwarf zunächst einen Video-Wettbewerb, um die Schwelle niedrig zu halten. Der Wettbewerb hat sich seither weiterentwickelt – bei der jüngsten Ausgabe 2025 mussten die Schüler*innen zunächst Wettbewerbsaufgaben lösen, um sich dann für eine Online-Endrunde in Form eines Quiz zu qualifizieren.

„Ein Treffen mit Moser kam am Ende doch nicht zustande. Wir konnten aber über einen persönlichen Kontakt den Hirnfoscher Prof. Thomas Südhof für den Wettbewerb gewinnen“, erinnert sich Stilling. 2018 traf der Medizin-Nobelpreisträger von 2013 eine Schülergruppe am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen – der Auftakt einer Reihe bemerkenswerter Begegnungen. Ein Jahr später wartete in der Leopoldina in Halle Prof. May-Britt Moser auf die Jugendlichen. Sie hatte 2014 gemeinsam mit ihrem Mann Edvard den Nobelpreis für die Entdeckung eins „GPS im Gehirn“ erhalten. Die geplante Begegnung mit Krebs-Virologen Prof. Harald zur Hausen fiel 2020 dem ersten Corona-Lockdown zum Opfer. Es sollte eine Pause werden – keine Zäsur. Im Herbst 2025 traf Katalin Karikó, Medizin-Nobelpreisträgerin von 2023 für ihre Forschung zu mRNA-Impfstoffen, eine Schülergruppe am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. „Die Schülerinnen bereiten sich immer wahnsinnig akribisch auf diese Treffen vor“, sagt Stilling.

Eigenes Exponat auf der MS Wissenschaft

Auch abseits des Klassenzimmers bringt die Initiative Tierversuche verstehen Wissenschaft dorthin, wo Menschen sind – zum Beispiel an Bord der MS Wissenschaft. Das Ausstellungsschiff tourt ab Mai 2026 durch rund 40 Städte in Deutschland, Polen und Österreich und erwartet bis zu 100.000 Besuchende, darunter hunderte Schulklassen. Im Mittelpunkt des Exponats der Initiative steht das Herzpflaster: ein „Pflaster“ aus lebenden Zellen, das geschädigte Herzen reparieren soll und sich aktuell in klinischen Tests bei ersten Patient*innen befindet. An einem Touchscreen navigieren Besuchende durch echte Forschungsentscheidungen – von der Zellauswahl bis zur Frage, ob Tierversuche auf dem Weg zu einer neuen Therapie vertretbar sind. Eine Frage, die gerade für Schüler*innen mehr ist als Theorie und die Bewertungskompetenz schult.

Was dabei immer mitschwingt, bringt die Initiative in einer Podcast-Folge von „Fabeln, Fell und Fakten“ auf einen Begriff: die „Demokratisierung des Wissens“. Gemeint ist: Wissen über Tierversuche sollte nicht nur in Fachzeitschriften existieren oder in Hörsälen diskutiert werden. Schule ist einer der Orte, an dem genau das möglich wird – wo junge Menschen unabhängig von Herkunft oder Interesse mit dem Thema in Berührung kommen und sich eine eigene fundierte Meinung bilden können.

Unterrichtsmaterial seit Initiative bietet seit 2016 Schulmaterial an

Seit 2016 stellt die Initiative kostenlose Materialien für Lehrkräfte und Schüler*innen ab Klasse 9 bereit: Aufgabenblätter, Faktenchecks, Grafiken, vollständige Unterrichtseinheiten. Ergänzt wird das Angebot unter anderem durch einen Kriterienkatalog des Leibniz-Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. Die Qualität muss stimmen. Längst arbeitet die Initiative daher auch mit Fachdidaktikern, Universitäten, aber auch örtlichen Forschenden zusammen, die im Unterricht von ihrer Arbeit mit Tieren berichten. Dabei treffen sie nicht selten auf hartnäckige Mythen, wie jener über Tierversuche für Kosmetik – Die sind nämlich längst verboten.

Der Kosmetik-Mythos wird nicht über Nacht verschwinden. Aber vielleicht sitzt er in zehn Jahren etwas weniger tief – weil Schüler*innen im Biologieunterricht gelernt haben, nachzufragen.

Dr. Laura Berg

Forschende müssen ihre Inhalte verständlich transportieren

„Der Kosmetik-Mythos wird nicht über Nacht verschwinden. Aber vielleicht sitzt er in zehn Jahren etwas weniger tief – weil Schüler*innen im Biologieunterricht gelernt haben, nachzufragen“, sagt Berg. Daher gilt der Blick nach vorne vor allem einer Frage: Wie kommt das Thema Tierversuche noch direkter in den Unterricht – und wie kommen Schüler*innen noch näher an die Menschen heran, die täglich damit arbeiten? „Lehrende sollen wissen, wie sie in Kontakt zu Forschenden kommen. Es gibt schon sehr viele Kontakte zwischen Universitäten und Schulen. Das müssen wir noch besser nutzen“, sagt Laura Berg. Denn der Weg dorthin führt auch über die wissenschaftliche Community selbst. Forschende, die in einer Schulklasse über Tierversuche sprechen, brauchen mehr als Fachwissen. „Wir müssen Wissenschaftler*innen unterstützen, ihre Inhalte anschaulich zu transportieren, ohne in Fachsprache zu verfallen“, so Berg.

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