Rehoming von Versuchstieren ist eine Form der Aufklärung

Was geschieht mit Maus, Ratte oder Kaninchen, wenn eine wissenschaftliche Studie endet? An der Universitätsmedizin Mainz ermöglicht ein spezielles „Rehoming“-Programm ehemaligen Versuchstieren den Sprung in ein neues Leben. Doch der Weg vom Labor ins private Heim ist nicht einfach. Im Interview erklären Koordinatorin Daisy Kirschner und Forscherin Sandra Reichel, wie das am besten gelingt und warum sie ein bundesweites Rehoming-Netzwerk planen.

Zwei männliche Hausratten – eine weiße und eine graue – liegen gemütlich in ihrer blauen Hängematte im Käfig. Quelle: © veineleissa – stock.adobe.com

Frau Kirschner, Sie koordinieren das Rehoming-Programm an der Universitätsmedizin Mainz. Wie ist diese Initiative entstanden und welches Ziel verfolgen Sie damit?

Daisy Kirschner: Die Idee gibt es tatsächlich schon länger. Laut einer EU-Richtlinie von 2010 dürfen Versuchstiere nach Beendigung einer Studie privat untergebracht werden, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Aber es dauert, bis man das in der Praxis umgesetzt hat. Bei uns ging es 2014 mit den ersten Vermittlungen von Versuchstieren los. Ich habe das Rehoming-Programm dann 2023 übernommen. Seitdem sehen wir, dass die Zahlen kontinuierlich steigen. Unser Ziel ist klar: Wir wollen etwas für den Tierschutz tun. Gerade, weil wir in der Forschung arbeiten und wissen, dass wir den Tieren in der Laborhaltung nur begrenzte Möglichkeiten bieten können. Im privaten Umfeld können sie ihre natürlichen Verhaltensweisen dagegen viel besser ausleben.

Steigende Zahlen, was bedeutet das konkret? Wie viele Tiere konnten Sie bisher vermitteln?

Kirschner: Inzwischen sehen wir, dass das Programm gut angenommen wird. Allein in den vergangenen drei Jahren haben wir für rund 400 Tiere – vor allem Nager – ein neues Zuhause gefunden. Und wir beraten auch andere Forschungseinrichtungen bei der Vermittlung von Versuchstieren. Der Bedarf ist deutlich größer, als wir dachten.

Welche Tiere kommen für das Rehoming in Frage?

Kirschner: Die Kriterien sind genau festgelegt: Der Tiere müssen gesund sein. Von ihnen dürfen keine Gefahren für die Gesundheit von Menschen oder anderen Tieren oder für die Umwelt ausgehen. Außerdem muss das Wohlergehen der Tiere sichergestellt sein. Wir arbeiten bei der Auswahl der Tiere eng mit unserer Tierärztin zusammen.

Wie finden Sie die passenden Halterinnen und Halter?

Kirschner: Ich spreche sehr ausführlich mit den Interessenten, lasse mir Fotos von Gehegen schicken, frage nach Maßen, Ausstattung und entscheide dann. Wenn etwas nicht passt, vermittle ich nicht. Das kommt aber eher selten vor. Die meisten sind wirklich motiviert, den Tieren ein gutes Zuhause zu bieten. Sie schicken mir Links zu Käfigen, fragen nach der passenden Einrichtung, wollen alles richtig machen.

Die Tiere kommen aus einer hochstandardisierten Laborumgebung. Wie bereiten Sie sie auf das Leben im neuen Zuhause vor?

Kirschner: Das geschieht Schritt für Schritt. Die Tiere ziehen zunächst in größere Käfige um, bekommen mehr Beschäftigungsmaterial, mehr Rückzugsmöglichkeiten. Ganz wichtig ist der Kontakt zum Menschen Wir beschäftigen uns intensiv mit ihnen: nehmen sie auf die Hand, geben ihnen neue Reize. Viele Tiere sind nach kurzer Zeit zutraulich.

Tierpflegerin Daisy Kirschner (li.) und Dr. Sandra Reichel koordinieren das Rehoming-Programm. Quelle: TARC Universitätsmedizin Mainz

Frau Reichel, Sie begleiten das Programm aus wissenschaftlicher Perspektive. Welche Rolle spielt Rehoming im Kontext der Forschung?

Sandra Reichel: Es ist Teil dessen, was man „Refinement“ nennt – also die Verbesserung von Haltungs- und Versuchsbedingungen. Viele Versuche, vor allem in der Verhaltensforschung, erlauben es, dass die Tiere weiterleben können. Auch erfüllen einige Tiere aus der Zucht nicht die Kriterien für den Versuchsaufbau. Rehoming ist für diese Tiere eine Chance. Und für uns ist es auch ein Stück Verantwortung, die wir als Forschende tragen. Niemand arbeitet gerne mit dem Gedanken, dass Tiere sterben müssen.

In der Öffentlichkeit gibt es oft ein sehr kritisches Bild von Tierversuchen. Erleben Sie das auch im direkten Kontakt mit den Interessenten?

Reichel: Ja, absolut. Viele kommen mit der Vorstellung zu uns, die Tiere seien völlig verängstigt. Und dann sind sie überrascht, dass unsere Nager zumeist neugierig und zutraulich sind. Diese Begegnungen sind wichtig, weil sie Vorurteile abbauen. Rehoming wird damit auch zu einer Form der Aufklärung.

Wie offen können Sie denn generell über Ihre Arbeit sprechen?

Reichel: Offener als viele annehmen, aber es bleibt eine Gratwanderung. Wir wollen unser Rehoming-Programm natürlich bewerben, um Interessenten für die Tiere zu finden. Unsere Erfahrung ist, dass Transparenz hilft. Wir haben bisher kaum negative Reaktionen erlebt – im Gegenteil. Natürlich gibt es kritische Stimmen, aber oft ergeben sich daraus konstruktive Gespräche. Und selbst Menschen, die der Forschung sehr kritisch gegenüberstehen, erkennen an, dass Rehoming eine gute Sache für die Tiere ist.

Hat Ihr Programm eine Art Vorbildfunktion für andere Forschungseinrichtungen?

Kirschner: Ja, zunehmend. Wir bekommen viele Anfragen von Einrichtungen, die selbst ein Rehoming-Programm aufbauen möchten. Auch privat unterstütze ich dies praktisch, etwa über soziale Medien. Wir helfen, Interessenten zu finden oder Kontakte herzustellen. Und wir arbeiten gerade daran, ein Netzwerk aufzubauen, um Erfahrungen zu bündeln und die Programme insgesamt sichtbarer zu machen.

Wenn Sie persönlich auf Ihre Arbeit blicken: Welche Momente sind für Sie besonders motivierend?

Kirschner: Wenn ich die Tiere in ihre Transportbox setze und auf die Reise in ein neues Leben schicke. Und die Rückmeldungen, die uns danach erreichen. Die Leute schicken uns Fotos und kleine Videos, die zeigen, wie gut sich die Tiere eingelebt haben. Das ist die schönste Bestätigung für alles, was wir tun. Jedes Versuchstier, das wir vermitteln, hat eine Chance auf einen Neuanfang verdient.


Rehoming in Deutschland

Mit der EU-Richtlinie von 2010 rückte die Möglichkeit, Versuchstiere nach Studienabschluss in private Hände zu vermitteln, erstmals in einen klaren rechtsicheren Rahmen. Die Richtlinie wurde anschließend in deutsches Recht umgesetzt Dennoch gibt es in Deutschland bislang kein flächendeckendes System. Die Vermittlung beruht häufig auf der Eigeninitiative engagierter Forschenden oder Tierpflegenden vor Ort. Die Strukturen sind entsprechend vielfältig: von informellen Kontakten bis hin zu professionell organisierten Rehoming-Programmen wie an der Universitätsmedizin Mainz.

Dabei stehen viele Forschungsinstitute vor ähnlichen Hürden, da die Vermittlung der Tiere erhebliche personelle und finanzielle Ressourcen beansprucht. Auch der bürokratische Aufwand und die Unsicherheit im Umgang mit der Öffentlichkeit wirken oft als Hürde. Dennoch gewinnt das Konzept spürbar an Dynamik, da sich immer mehr Einrichtungen vernetzen, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Standards zu entwickeln.

Der Beitrag erschien zuerst auf der Website des Bundesnetzwerks 3R (https://www.bundesnetzwerk-3r.de) und wird hier mit freundlicher Genehmigung erneut veröffentlicht.

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