Er forscht seit Jahrzehnten mit Primaten, gibt seinen Tieren Namen und hat trotzdem – oder genau deswegen – eine Initiative ins Leben gerufen, die das Gespräch über Tierversuche in Deutschland grundlegend verändert hat. Prof. Dr. Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen und Sprecher von „Tierversuche verstehen“, über eine Anzeige, die alles veränderte, einen langen Atem und die Frage, warum die Wissenschaft sich bis heute schwertut, mit einer Stimme zu sprechen.

Prof. Treue, bevor es „Tierversuche verstehen“ gab – haben Wissenschaftler über Tierversuche gesprochen? Oder war da wirklich Stille?
Gesprochen haben wir schon. Aber jeder für sich, und meistens aus der Deckung heraus. Das Problem war nicht, dass niemand etwas gesagt hat. Den Diskurs über Tierversuche bestimmten kleine, aber sehr gut organisierte und finanzkräftige Gruppen gegen Forschung mit Tieren – mit einfachen Botschaften, medialer Präsenz und dem nötigen langen Atem. Und wir? Wir sprachen vereinzelt über Tierversuche, jeder für sich. Das ist ungefähr so, als würde man mit einem Flüstern gegen ein Megaphon ankommen wollen.
Wer mit Affen arbeitet, rechnet damit, sich öffentlich erklären zu müssen.

Wie war das für Sie persönlich? Das Deutsche Primatenzentrum (DPZ) steht ja nicht im Verborgenen.
Das DPZ ist in Göttingen sehr sichtbar, neben einem Studentenwohnheim und Instituten der Universität. Jeder in der Stadt weiß, dass wir existieren. Intransparenz war für uns nie wirklich eine Option oder ein Wunsch. Wer mit Affen arbeitet, rechnet damit, sich öffentlich erklären zu müssen. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann. Das hat mich früh gelehrt: Offenheit ist keine Schwäche. Offenheit ist die einzig vernünftige Strategie.
2014 erschien in FAZ, ZEIT und Tagesspiegel eine ganzseitige Anzeige gegen Ihren Kollegen Andreas Kreiter – mit vollem Namen, mit Foto. Kurz darauf ein vermeintlicher Skandal in Tübingen. Haben diese beiden Ereignisse etwas grundlegend verändert?
Ja, und ich glaube, sie gehören zusammen. Beim Kollegen Kreiter war es eine öffentliche Diffamierungskampagne – mit Formulierungen, die ich hier lieber nicht wiederhole. Der Rektor der Universität Bremen stellte sich dann mit einem offenen Brief hinter seinen Forscher, die Wissenschaft rückte zusammen. Das war das erste Mal, dass wir uns ansatzweise als Gemeinschaft verhalten haben. Und dann kam Tübingen. Undercover-Material aus einem Max-Planck-Labor, ein medialer Aufschrei, vor allem in der Lokalpresse – dabei hat er nach allem, was wir wissen, nach Vorschrift gearbeitet. Es fehlte jedoch der kollektive Rückhalt – und ein Publikum, das bereit war, sich nicht von Stimmungsmache mitreißen zu lassen, sondern nach Fakten fragte. Damals und seitdem verschob sich die Argumentation der Tierversuchsgegner: Es ging nicht mehr um Moral und Tierleid, sondern um die angebliche wissenschaftliche Nutzlosigkeit von Tierversuchen. Das traf alle mit Tierversuchen Forschende – nicht nur die Primatenforschung. Damit war klar: Es ging hier darum, evidenzbasierte Wissenschaft und wissenschaftliche Methoden durch Diffamierung statt Fakten anzugreifen. Was da passierte, konnte jedem passieren. Auch die, die ‚nur‘ mit Mäusen, Ratten, oder Zebrafischen forschen. Das ist kein Primaten-Problem. Das ist ein Strukturproblem in der Kommunikation und Debatte über Tierversuche.
Sie hatten die Idee zu einer Kommunikationsinitiative wie “Tierversuche verstehen” schon früh. Warum hat der Startschuss bis 2016 gedauert?
(lacht) Weil das, was ich vorgeschlagen habe, alles andere als simpel war. Es mussten alle deutschen Wissenschaftsorganisationen an einen Tisch kommen. Und gemeinsam nach außen kommunizieren – etwas, das sie in dieser Form noch nie getan hatten. Im Vereinigten Königreich hat man das früher begriffen. Understanding Animal Research und das Concordat on Openness haben vorgemacht: Wenn Institutionen sich gemeinsam verpflichten, offen zu kommunizieren, verändert das den Diskurs. In Deutschland fehlte lange genau dieser institutionelle Rahmen. Die Planungen begannen lange vorher, aber der Fall in Tübingen war dann der Kristallisationspunkt. Damit war die Bereitschaft in der Wissenschafts-Gemeinschaft dann aber voll da: Jetzt machen wir das wirklich. Im März 2016 fing TVV an zu arbeiten, im September ging die Webseite mit einer Pressekonferenz in Berlin an den Start.
Wissenschaftler sind keine Lobbyisten. Sie sind Experten auf ihrem Gebiet, und niemand ist zuständig fürs Ganze. Das ist in der Forschung ein Qualitätsmerkmal, in der Kommunikation eher ein Handicap.
Warum tut sich die Wissenschaft-Community so schwer damit, gemeinsam zu sprechen?
Das ist auch eine Kulturfrage. In Deutschland ist Wissenschaft traditionell arbeitsteilig organisiert: Die Universitäten sind Ländersache, die DFG fördert, Helmholtz, Max-Planck, Leibniz und Fraunhofer forschen – jede mit eigener Identität, eigener Sprache, eigener Zielgruppe. Das ist kein Fehler – das ist Ausdifferenzierung. Nur: Für eine gemeinsame Kommunikation nach außen ist diese Struktur nicht einfach. Dazu kommt: Wissenschaftler sind keine Lobbyisten. Sie sind Experten auf ihrem Gebiet, und niemand ist zuständig fürs Ganze. Das ist in der Forschung ein Qualitätsmerkmal, in der Kommunikation eher ein Handicap. Die Wissenschaft tut sich schwer daran, mit einer Stimme zu sprechen, wenn es politisch wird oder gesellschaftlicher Dialog wichtig ist. Beim Tierschutzgesetz merkt man das gerade sehr deutlich.
Sie sprechen die aktuelle Debatte über das Tierschutzgesetz an. Im aktuellen Koalitionsvertrag steht, dass Tierversuche aus dem Tierschutzgesetz ausgegliedert werden sollen. Eine weitreichende Entscheidung – und trotzdem hört man kaum etwas von der Wissenschaft dazu.
Das ist ernüchternd. Und es liegt nicht daran, dass die Wissenschaft nichts zu sagen hätte. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, als gemeinsame Vertretung öffentlich finanzierter Forschung, ist ein komplexes, vielschichtiges Konstrukt und entsprechend langwierig ist die Bildung einer gemeinsamen Position. Gleichzeitig gibt es nicht DIE Wissenschaft. Ein Doktorand hat andere Interessen als eine Institutsdirektorin. Eine Uni denkt anders als eine außeruniversitäre Einrichtung.
Und TVV? Könnte die Initiative nicht die Stimme sein?
Das ist eine wichtige Frage – und ich antworte sehr ausdrücklich darauf: Unser Auftrag ist die Aufklärung, sind evidenz-basierte Beiträge zu einer gesellschaftlichen Debatte, wenn nötig auch das starke Auftreten gegen ‚alternative facts‘, Verschwörungsnarrative, Diffamierung und Wissenschaftsleugnung. Unser Ziel ist es NICHT, eine bestimmte Meinung zu Tierversuchen zu ‚verkaufen‘. Das ist kein Zufall, sondern ganz bewusst so angelegt. Wenn wir anfangen, alleinseligmachende politische oder ethische Positionen zu propagieren, verlieren wir das Einzige, das uns wirklich stark macht: unsere Glaubwürdigkeit als Informationsplattform. Wir liefern das Fundament – Fakten, Kontext, Verständnis und einen Dialog darüber.
Was war der Moment, in dem Sie dachten: Es lohnt sich?
Der größte Erfolg war gar kein einzelner Moment, sondern das kollektive Aufatmen in der Wissenschaft, als TVV startete. „Na endlich. Da passiert was.“ Das haben wir gespürt. Aber es gab von Anfang an auch Skepsis und weiterhin Kopf-in-den-Sand-stecken. Wir haben viel Zeit und Mühe investiert, um zu verdeutlichen: TVV ist kein Feigenblatt. Forschende, Institutionen und Universitäten müssen mitmachen und selbst aktiv werden. Das war richtig und wichtig.
TVV ist kein Feigenblatt. Forschende, Institutionen und Universitäten müssen mitmachen und selbst aktiv werden. Das war richtig und wichtig.
Wie hat sich der öffentliche Diskurs verändert?
Früher war der Ton in Medien-Anfragen oft: „Wie könnt ihr nur?“ Heute kommen Journalistinnen und Journalisten und wollen zum Beispiel verstehen, warum welche Tierversuche unverzichtbar sind. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Und ich glaube, die Coronapandemie hat dabei eine große Rolle gespielt. Plötzlich hat die gesamte Gesellschaft live miterlebt, wie biomedizinische Forschung funktioniert, wie Impfstoffe entwickelt werden, wie Tierversuche dabei helfen. Das hat nicht unbedingt zu einem radikalen Umdenken geführt – aber zu einem besseren Verständnis für Forschungsprozesse. Das hilft uns.
Welches Thema fällt Ihnen immer noch schwer zu kommunizieren?
Der Tierschutz im Labor. Die Gesellschaft nimmt Tiere heute anders wahr als noch vor zwanzig Jahren – als fühlende, wertvolle Wesen. Das begrüßen wir ausdrücklich, denn genau dieser Blick prägt auch unsere Arbeit. Aber er macht es nicht einfacher zu erklären, was in der Forschung passiert. Im Labor setzt man Tiere Belastungen aus, nicht für dieses eine Tier, sondern für ein übergeordnetes Ziel. Das ist nicht vergleichbar mit dem, was man für die eigene Katze beim Tierarzt tut. Es geht um Erkenntnisse, die Vielen helfen sollen. Das bleibt schwer zu vermitteln und eine herausfordernde ethische Abwägung.
Was fordert Sie nach zehn Jahren noch immer heraus?
Unsere Reichweite. Im direkten Gespräch schaffen wir es fast immer, Verständnis zu erzeugen – die Bereitschaft zuzuhören ist da, wenn man Vorurteile beiseitegeräumt und vieles erklärt hat. Aber wir erreichen noch zu wenige. Diese Gespräche finden zu selten statt und insbesondere in den sozialen Medien bleiben viele in ihren sozialen Blasen.
TVV wirkt jetzt seit zehn Jahren, bekommt bald eine neue Website, wird künftig in den Sozialen Netzwerken aktiver. Was treibt Sie an?
Dass wir immer noch zu still sind. Auch deshalb wollen wir Social-Media-Kanäle aufbauen – zum ersten Mal wirklich. Unsere Website wollen wir noch stärker auf Dialog ausrichten. Denn die Stimme der Wissenschaft ist weiterhin nicht breit genug vernehmbar.
Was würden Sie dem Stefan Treue von 2015 sagen?
(lacht) Der Aufwand und ein langer Atem lohnen sich – nicht, weil TVV nach zehn Jahren alle Ziele erreicht hat, sondern weil unsere Kommunikationsinitiative einen Raum geöffnet hat, den es vorher nicht gab. Einen Raum, in dem über Tierversuche sachlich und auch kritisch gesprochen werden kann. Das klingt bescheiden. Aber für dieses Thema ist es viel.
Und was bleibt zu tun?
Unser Ziel bleibt: Jeder Mensch soll nachvollziehen können, wie verantwortungsbewusste Forschung funktioniert, insbesondere wie sich Wissenschaft und Gesellschaft um eine Kombination von bestmöglicher Forschung mit bestmöglichem Tierschutz bemühen. Nicht, damit alle Tierversuche gutheißen. Sondern damit verständlich wird, was auf dem Spiel steht – und welchen Preis wir zahlen, wenn wir auf bestimmte Erkenntnisse verzichten. Eine kontroverse Debatte, ein Ringen um den verantwortungsbewussten Umgang mit Tierversuchen, ist richtig und wichtig. Wir wollen die Grundlage für informierte Entscheidungen legen.
Zum Weiterelesen bzw. -hören:
Podcast „Fabeln, Fell und Fakten“ mit Prof. Strefan Treue: Wie können wir Tierversuche verstehen, Herr Treue?
Podcast „Fabeln, Fell und Fakten“ mit Prof. Stefan Treue: Wofür brauchen wir Affen in der Forschung?
Kompass Tierversuche: 10 Jahre TVV als Wimmelbild
Prof. Stefan Treue ist Direktor des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) in Göttingen – einem Leibniz-Institut für Primatenforschung – und Universitätsprofessor für Kognitive Neurowissenschaften und Biopsychologie an der Georg-August-Universität Göttingen.
Seine Forschung fragt nach den Grundlagen menschlicher Wahrnehmung: Wie entscheidet das Gehirn, worauf es seine Aufmerksamkeit richtet? Um diese Frage zu beantworten, untersucht Treue die neuronalen Mechanismen der visuellen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit – mit neurophysiologischen Methoden am Rhesusaffen und in Wahrnehmungsstudien mit Menschen. Die Erkenntnisse sind grundlagenwissenschaftlich, haben aber langfristige Relevanz für das Verständnis von Erkrankungen wie Alzheimer oder Schizophrenie, bei denen Aufmerksamkeit und Wahrnehmung gestört sind.
2010 erhielt Treue den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der DFG – die höchste Wissenschaftsauszeichnung in Deutschland. Er ist Mitglied der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften und Vorstandsmitglied des Göttinger Bernstein-Zentrums für Computational Neuroscience.
Seit 2016 ist er Sprecher der Initiative „Tierversuche verstehen“.