Prof. Stefan Schlatt: „Vor allem muss man zuhören“

Er hat Drohungen erhalten, die bis in seine Familie reichten. Und er kommuniziert trotzdem oder gerade deswegen über die Tierversuche – aber nur aus eigener Überzeugung. „Ich könnte manchmal besser argumentieren als Tierversuchsgegner“, sagt Prof. Stefan Schlatt, Reproduktionsbiologe an der Universität Münster, Mitglied des dortigen Tierschutzausschusses und Teil der Steuerungsgruppe von „Tierversuche verstehen“. Ein Gespräch über die Grenzen von Transparenz, den Preis von Offenheit – und die Frage, warum er niemand zum Kommunizieren drängen würde.

Herr Prof. Schlatt, Sie öffnen Ihre Tierhaltung für Besucher. Was hat Sie dazu bewogen, diesen Schritt zu gehen?

Über viele Jahre gab es immer wieder Situationen, in denen ich mit dem Kommunikationsverhalten der Wissenschaft nicht einverstanden war. Das führte bei mir zu der Erkenntnis, dass man nicht alles so geheim halten sollte. Diese Überzeugung kam in meinem beruflichen Umfeld aber nicht immer gut an. Dort hörte ich Kritik, dass ich zu transparent sei. Und bei Tierversuchs-Gegnern stehe ich in der Kritik, weil ich angeblich nicht transparent genug bin. Also stehe ich in der Mitte – und da ist man oft allein. Transparent zu sein bedeutet also auch, verletzbar zu sein.

Überall, wo einem zugehört wird, kann man einen Dialog über Tierversuche versuchen.

Prof. Stefan Schlatt

Wie hat Ihr Umfeld – Kollegen, die Universität, der Fachbereich – auf diese Transparenz reagiert?

Solange ich Kinder hatte, die ich schützen musste, war Transparenz zu zeigen nicht einfach. Bedrohungen kamen bis in den familiären Bereich. Beim Thema Tierversuche und dem Töten von Tieren reagieren Menschen durchaus verstört. Nehmen wir das Beispiel des in der Ostsee sterbenden Wals. Der kriegt zunächst mal einen Namen, dann sehen wir ihm beim Sterben zu. Die Haltung der Gesellschaft ist: Tiere müssen um jeden Preis leben. Es ist zum Teil einfacher, einen todkranken Menschen sterben zu lassen, wenn die Angehörigen ihn erlösen wollen und lebensverlängernde Maßnahmen ablehnen. Bei einem Tier ist das viel schwieriger. Ich meine, wir müssen die Einstellung zum Leben und Sterben neu definieren.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie gemerkt haben, dass Ihre Offenheit tatsächlich Wirkung zeigt?

Das war ein langer Prozess. Man muss auf unterschiedliche Zielgruppen differenziert zugehen. Bei Kollegen muss ich anders kommunizieren als bei Tierversuchsgegnern. Vor allem muss man zuhören. Wir haben an der Universität Münster eine Koordinierungskommission, die eine Haltung der Universität zu Tierversuchen erarbeiten hat. Die bestand aus Menschen, die zuhörten. Überall, wo einem zugehört wird, kann man einen Dialog über Tierversuche versuchen.

Bei den SWelche Momente waren die Schwierigsten?

Man hat mich noch nie mit Tomaten beworfen oder meine Kinder beleidigt. Vielleicht auch deshalb, weil ich rechtzeitig in solchen Situationen den Raum verlasse. Die schwierigsten Momente für mich waren, als Tierversuche in einer öffentlichen Veranstaltung mit dem systematischen Mord an Juden verglichen wurden. Auch hier in Münster gab es eine Situation, in der eine Professorin ihre Studenten aufgefordert hat, mich auszulachen. Das sind schwierige Momente, da ist der Dialog zu Ende.

Was verstehen Sie persönlich unter Transparenz in der Wissenschaft – wo fängt die an, wo hört sie auf?

Wenn man dialogbereit ist, hat das mit Transparenz zu tun. Offenheit kann aber nicht grenzenlos sein – Transparenz hört dort auf, wo wissenschaftliche Vertraulichkeit gefordert ist. Und wenn man Wunden davonträgt.

Welche Argumente von Tierschützern begegnen Ihnen am häufigsten – teilen Sie einzelne davon?

Natürlich teile ich ganz viele. Ich könnte manchmal besser argumentieren als Tierversuchsgegner, weil ich tiefer in der Materie stecke.

Ich könnte manchmal besser argumentieren als Tierversuchsgegner, weil ich tiefer in der Materie stecke.

Was sollen Besucher mitnehmen, wenn sie Ihre Einrichtung verlassen?

Dass wir ernst genommen werden möchten als Menschen, die Gutes tun wollen; als Menschen, die daran arbeiten, Wissen zu vermehren, Therapien zu entwickeln und biologische Mechanismen zu verstehen. Und dass wir Tieren unter den gegebenen Umständen bestmögliche Bedingungen bieten wollen.

Hat sich die gesellschaftliche Debatte rund um Tierversuche in den vergangenen Jahren positiv verändert?

In der Breite ist sie toleranter geworden, an den Rändern extremistischer.

Ich erlebe im Moment viele Kolleginnen und Kollegen, die ins Ausland gehen, um sich Anfeindungen entziehen.

Was würden Sie sich von der Politik wünschen, um die Forschung transparenter und gleichzeitig rechtssicher zu machen?

Mehr Mut, sich eine differenzierte Haltung zuzulegen. Und keine Angepasste.

Was würden Sie Kolleginnen und Kollegen raten, die noch zögern, mehr Offenheit zu wagen?

Sich mit den Forschenden zu unterhalten, die in die Öffentlichkeit gegangen sind. Stattdessen erlebe ich im Moment viele Kolleginnen und Kollegen, die ins Ausland gehen, um sich Anfeindungen entziehen. Ich würde aber nie jemandem raten, mehr in der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Das muss aus eigener Überzeugung kommen. Die öffentlich Kommunizierenden sollten deshalb nie als Missionare auftreten, ihre Schritte sollten eine Anregung und Inspiration sein.

Wenn Sie einen Satz formulieren müssten, der Ihre Philosophie auf den Punkt bringt – wie würde der lauten?

Die Antwort ist nicht leicht. Offen und tolerant sein, mit Argumenten überzeugen. Authentisch sein ist auch wichtig.

Zum Weiterelesen bzw. -hören:
Podcast „Fabeln, Fell und Fakten“ mit Prof. Stefan Schlatt

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