Prof. Olivia Masseck: „Dort, wo offen kommuniziert wird, wächst auch das Verständnis.“

Sie forscht an Tieren, um psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen besser zu verstehen. Die Neurowissenschaftlerin und Tierphysiologin Prof. Olivia Masseck vom Institut für Zoologie der Universität Köln ist stellvertretende Vorsitzende der Steuerungsgruppe von „Tierversuche verstehen“. Sie setzt sich damit für einen offenen Dialog über Tierversuche ein, um die spannungsgeladene Debatte in der Öffentlichkeit auf eine sachliche und vor allem realitätsnahe Ebene zu heben. Eine verständliche zielgruppengerechte Sprache ist ihr dabei wichtig, jedoch sollte die Gesellschaft wieder lernen komplexe Themen auch als komplex wahrzunehmen und auszuhalten.

Frau Prof. Masseck, wenn Sie auf einer Party erzählen, woran Sie forschen, wie reagieren die Leute?

Das Interesse ist meistens sehr groß. Viele Menschen sind fasziniert vom Gehirn und davon, wie Verhalten, Emotionen oder psychische Erkrankungen entstehen. Gerade weil wir unter anderem zu Angst und Depression forschen, kommen oft viele Nachfragen: Wie untersucht man so etwas überhaupt? Kann es bei Mäusen etwas geben, das mit Depression vergleichbar ist? Diese Neugier finde ich wichtig und wertvoll.

Viele von uns wären froh, wenn Tierversuche vollständig ersetzt werden könnten.

Prof. Olivia Masseck

Was passiert in dem Moment, in dem Sie Tiere bzw. Tierversuche erwähnen?

Meistens erlebe ich zunächst Interesse und ehrliche Neugier. Mir ist dann wichtig zu erklären, dass niemand in der Forschung gerne Tierversuche macht, und dass Tiere nur eingesetzt werden, wenn es keine geeignete Alternative gibt. Wenn man erklärt, wie stark solche Arbeiten reguliert, kontrolliert und überwacht werden, reagieren viele überrascht. Oft lassen sich dabei auch Missverständnisse aufklären, viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass Tierversuche für Kosmetik in der EU schon seit vielen Jahren weitgehend verboten sind und seit 2013 auch keine entsprechend getesteten Kosmetikprodukte mehr verkauft werden dürfen.

Tierversuche verstehen“ will nicht nur informieren, sondern auch die Beweggründe der Forschenden nachvollziehbar machen, warum Tierversuche so wichtig für die Forschung sind. Wie haben Sie diese Vermittlungsarbeit in den vergangenen Jahren erlebt – und war sie manchmal auch ein Verteidigen gegenüber Kritiker*innen?

Natürlich gibt es kritische Diskussionen, und das ist auch legitim. Tierversuche sind letztlich eine ethische Frage, mit der sich jede Gesellschaft auseinandersetzen muss. Ich finde aber wichtig, dass Menschen ihre Meinung auf Grundlage von Informationen bilden können, nicht nur auf Basis emotionaler Bilder oder Schlagworte. Dazu gehört auch die Frage: Wie entwickeln wir neue Medikamente oder Therapien? Und unter welchen Bedingungen geschieht das weltweit? Mir persönlich ist wichtig zu vermitteln, dass Forschende nicht leichtfertig mit diesem Thema umgehen. Viele von uns wären froh, wenn Tierversuche vollständig ersetzt werden könnten.

Wenn es um Tierversuche geht, sprechen Tierschützer von Qual und Leid, Wissenschaftler*innen hingegen von Methoden und Studien. Beschreiben beide eigentlich dasselbe – nur in verschiedenen Worten?

Man darf nicht so tun, als gäbe es keine Belastung für die Tiere. Natürlich bedeuten viele Experimente Stress oder Eingriffe, und darüber muss man offen sprechen. Gleichzeitig würde ich Begriffe wie „Qual“ vorsichtig verwenden, weil sie oft implizieren, dass Leid absichtlich oder gleichgültig verursacht wird. Genau das ist nicht der Fall. Unser Ziel ist immer, Belastungen so gering wie möglich zu halten und nur notwendige, gut begründete Studien durchzuführen.

Niemand macht gerne Tierversuche. Fällt es deswegen so schwer, darüber öffentlich zu sprechen? Fürchtet man womöglich, dass die eigene Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen wird?

Ich glaube, Wissenschaft hatte lange generell eher die Kultur, wenig öffentlich zu kommunizieren. Bei Tierversuchen kommt zusätzlich die Sorge vor Anfeindungen oder sehr emotionalen Debatten dazu. Viele Forschende haben Angst, sofort in eine bestimmte Ecke gestellt zu werden, ohne dass wirklich differenziert über das Thema gesprochen wird. Gerade deshalb finde ich offene Kommunikation wichtig. Wenn wir nicht erklären, warum bestimmte Forschung gemacht wird und welche Verantwortung damit verbunden ist, überlassen wir die Debatte am Ende oft vereinfachten Bildern oder Schlagworten.

Wurden Sie auch schon für Ihre Forschung mit Tieren kritisiert oder angefeindet? Welche Worte finden Sie in diesem Moment?

Ja, natürlich. Ich versuche dann, die Diskussion auf eine sachliche Ebene zurückzuführen und zu erklären, dass wir Verantwortung für die Tiere übernehmen und Belastungen so gering wie möglich halten. Forschung mit Tieren ist kein notwendiges Übel. Sie hilft uns, die Welt zu verstehen, menschliches Leid zu lindern oder durch die Entwicklung von Therapien, Menschenleben zu retten. Gleichzeitig habe ich manchmal das Gefühl, dass gesellschaftliche Debatten an dieser Stelle nicht immer ganz konsistent geführt werden. Viele Formen der Tiernutzung im Alltag – etwa Schädlingsbekämpfung oder Massentierhaltung – werden deutlich weniger hinterfragt als die Tiernutzung in der Forschung, die verbreitet sehr negativ in den Köpfen besetzt ist. Trotzdem bleibt das am Ende eine ethische Frage, über die man offen, respektvoll und differenziert sprechen sollte.

Viele Formen der Tiernutzung im Alltag – etwa Schädlingsbekämpfung oder Massentierhaltung – werden deutlich weniger hinterfragt als die Tiernutzung in der Forschung, die verbreitet sehr negativ in den Köpfen besetzt ist.

Die Wissenschaft hat ihre eigene Sprache: „Tiermodell“, „in-vivo-Studie“, „Versuchsprotokoll“. Das klingt technisch und kühl – schafft aber auch wissenschaftliche Präzision. Welche Begriffe bereiten Ihnen persönlich Unbehagen?

Ehrlich gesagt empfinde ich bei diesen Begriffen selbst wenig Unbehagen, weil sie für uns zunächst einmal wissenschaftliche Fachbegriffe sind, die bestimmte Methoden oder Abläufe möglichst präzise beschreiben. Mir ist aber bewusst, dass Wörter wie „Tiermodell“ oder „Versuchsprotokoll“ für Außenstehende kühl oder distanziert wirken können. Das bedeutet jedoch nicht, dass man keine Empathie für die Tiere empfindet. Im Gegenteil: Gerade weil wir mit lebenden Tieren arbeiten, ist uns sehr bewusst, welche Verantwortung damit verbunden ist.

Gibt es womöglich sogar einen Begriff, den Sie selbst problematisch finden?

Aktuell fällt mir kein konkreter Begriff ein. Wichtig ist aus meiner Sicht eher, wie transparent und ehrlich man kommuniziert.

Sprache sollte verständlich und präzise sein. Gleichzeitig darf man wissenschaftliche Realität auch nicht beschönigen.

Eine Möglichkeit wäre, solche Begriffe zu ersetzen oder umzubenennen. Doch wer Sprache verändert riskiert den Vorwurf der Verschleierung. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um?

Generell denke ich, Sprache sollte verständlich und präzise sein. Gleichzeitig darf man wissenschaftliche Realität auch nicht beschönigen. Entscheidend ist für mich weniger die Bezeichnung selbst als die Offenheit, mit der man erklärt, was tatsächlich gemacht wird und warum.

„Tierversuche verstehen“ setzt auf Sachlichkeit und Differenzierung – Politik braucht Emotionen und klare Botschaften. Wie lässt sich dieser Widerspruch für die Öffentlichkeit auflösen?

Das ist aktuell tatsächlich schwierig, weil öffentliche Debatten oft stark vereinfacht werden. Wissenschaft funktioniert aber selten in einfachen Kategorien von richtig und falsch oder gut und böse. Ich glaube, wir müssen viel besser erklären, warum Tierversuche überhaupt gemacht werden und welche medizinischen Fortschritte ohne sie bislang nicht möglich gewesen wären – von Medikamenten bis hin zu modernen Therapien oder medizinischen Technologien. Gleichzeitig darf man die ethischen Fragen nicht ausklammern oder so tun, als gäbe es keine Belastung für die Tiere.

Ich finde, wir haben gesellschaftlich ein bisschen verlernt, komplexe Themen auch als komplex auszuhalten. Genau diese Differenzierung geht in öffentlichen Debatten oft verloren.

Das 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refine) dient dem Tierschutz. Es gilt als politischer Konsens. Wird es aus Ihrer Sicht in der öffentlichen Debatte richtig verstanden?

Nicht immer. Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, wie stark das 3R-Prinzip Forschung heute beeinflusst. Wenn es geeignete Alternativmethoden gibt, dürfen Tierversuche gar nicht erst durchgeführt werden. Gleichzeitig gibt es sehr klare Vorgaben, Tierzahlen zu reduzieren und Belastungen möglichst gering zu halten. Das hat die biomedizinische Forschung in den letzten Jahren stark verändert und den Tierschutz deutlich verbessert. Viele stellen sich Forschung in diesem Bereich deutlich weniger reguliert vor, als sie tatsächlich ist. Argumente überzeugen. Authentisch sein ist auch wichtig.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Hat die Wissenschaft in dieser Zeit eine Sprache gefunden, die bei der Öffentlichkeit ankommt – oder ist die Wahrnehmung von Tierversuchen so polarisiert wie eh und je?

Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. In den letzten Jahren hat sich gerade beim Thema Transparenz viel verändert, und ich denke, das war wichtig. Trotzdem ist das Thema Tierversuche gesellschaftlich weiterhin sehr emotional besetzt. Solange Debatten stark polarisiert geführt werden, wird es diese Spannungen wahrscheinlich auch weiter geben. Was mich aber optimistisch stimmt: Dort, wo offen kommuniziert wird, wächst auch das Verständnis. Und das ist letztlich die Grundlage für jeden echten Dialog. Wenn Menschen unsere Motivation und unsere Arbeitsweise verstehen, verändert sich oft auch der Ton der Diskussion. Das ist aus meiner Sicht ein wichtiger Fortschritt.

Wenn Menschen unsere Motivation und unsere Arbeitsweise verstehen, verändert sich oft auch der Ton der Diskussion.

Welchen Satz würden Sie in Bezug auf die Forschung an Tieren gerne irgendwann hören – und von wem?

„Wir haben wissenschaftlich so gute Alternativen entwickelt, dass Tierversuche nicht mehr notwendig sind.“ Diesen Satz würde ich am liebsten aus der Wissenschaft selbst hören, weil er zeigen würde, dass wir die Biologie so gut verstanden haben, dass wir sie im Labor gut genug nachbilden können. Das wäre ein riesen Gewinn! Ich sehe das leider sobald noch nicht kommen – aber wer weiß?

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