Noch sind in der Biomedizin Tierversuche an vielen Stellen notwendig. Das gefällt nicht jedem. Seit 2016 sucht Tierversuche verstehen den Dialog mit der Öffentlichkeit. Was anfangs kaum denkbar war, ist inzwischen vielerorts selbstverständlich: Forschende sprechen offen über ihre Arbeit mit Tieren. Dazu hat die Initiative unter anderem über ihre Website, Filme, eine Themenwoche, die Präsenz auf der Bildungsmesse didacta oder den Podcast „Fabeln, Fell & Fakten“ beigetragen. Die Redaktion bereitet alljährlich die Versuchstierzahlen verständlich auf und ordnet diese ein – auch auf EU-Ebene. Betroffene haben ihre Perspektive geteilt und Nobelpreisträger*innen mit ihnen über ihre Forschung gesprochen. Die Grafik auf den Seiten 6 und 7 zeigt: In zehn Jahren ist einiges zusammengekommen.

Start der Initiative: Pressekonferenz am 6. September in Berlin

Am 6. September 2016 stellte die Allianz der Wissenschaftsorganisationen in Berlin eine Initiative vor, die den Umgang mit einem heiklen Thema grundlegend verändern sollte: Tierversuche verstehen. Mit einer Pressekonferenz fiel der Startschuss für eine Plattform, die faktenbasiert, offen und verständlich über Tierversuche in der Forschung informiert. Stefan Treue, Sprecher der Initiative, brachte es auf den Punkt: „Sorgen und Fragen zu Tierversuchen ernst nehmen und die Grundlage dafür schaffen, dass sich unterschiedliche Zielgruppen auf Basis solider und umfassender Informationen mit dem Thema auseinander setzen können.“ Ein klares Bekenntnis – und der Beginn eines neuen Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Plattform für Informationen rund ums Thema Tierversuche

Tierversuche gehören zu den emotionalsten Themen in der Wissenschaftskommunikation – und genau deshalb braucht es eine verlässliche Anlaufstelle. Die Website der Initiative Tierversuche verstehen dient als eine solche Plattform: der zentrale Dreh- und Angelpunkt für alle, die sich faktenbasiert informieren wollen. Sie bündelt seit 2016 Hintergründe, Daten und Einordnungen rund um den Einsatz von Tieren in der Forschung – verständlich aufbereitet für Laien und Fachpublikum gleichermaßen. Ob Grundlagenfragen, ethische Debatten oder aktuelle Zahlen: Wer Hintergrund zum Thema Tierversuche sucht, findet hier die Antworten.
Forschende und Kommunikator*innen steuern Inhalte und Ausrichtung

Die Steuerungsgruppe der Initiative vereint Forschende sowie Kommunikatior*innen aus den großen Wissenschaftsorganisationen der Allianz – von der Max-Planck-Gesellschaft über die Helmholtz-Gemeinschaft bis hin zur Leibniz-Gemeinschaft. Den Vorsitz hat Prof. Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums. Die Gruppe kommt monatlich zusammen, um Inhalte, Ausrichtung und Qualität der Initiative zu steuern – und sicherzustellen, dass Tierversuche verstehen das bleibt, was sie sein soll: eine verlässliche, unabhängige Stimme der Wissenschaft.
Filme über Tierversuche und Alternativmethoden

Tierversuche sind ein vielschichtiges Thema – und genau so behandelt es Tierversuche verstehen auch. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen vor der Kamera offen darüber, warum sie für ihre Forschung auf Tierversuche angewiesen sind und wie sie mit der Verantwortung für das Wohlergehen der Tiere umgehen. Doch die Initiative beleuchtet auch andere Seiten: ethische Fragen, Alternativen zu Tierversuchen und das 3R-Prinzip – Replace, Reduce, Refine – das darauf abzielt, Tierversuche zu ersetzen, zu reduzieren und zu verbessern. Animations- und Dokumentationsfilme führen verständlich in diese und weitere zentrale Themen ein – fundiert, ausgewogen und für alle zugänglich, die sich eine echte Meinung bilden wollen.
Angebote für Schüler*innen und Lehrkräfte

Ob Ethikunterricht oder Biologie: Das Thema Tierversuche eignet sich hervorragend für den Schulunterricht – und stellt Lehrkräfte gleichzeitig vor eine echte Herausforderung. Nachprüfbare Fakten und fachkundige Ansprechpartnerinnen sind oft schwer zu finden. Genau hier setzt die Initiative Tierversuche verstehen an – und ist deshalb regelmäßig auf der didacta vertreten, der größten Bildungsmesse Europas. Am Stand können Besucherinnen ihr Wissen im digitalen Quiz testen. Auf der Plattform warten außerdem Aufgabenblätter, Faktenchecks, Unterrichtseinheiten und Grafiken – alles, was Lehrkräfte brauchen, um das Thema anschaulich und fundiert in den Unterricht zu bringen.
Seit 2017: Schüler*innen treffen Nobelpreisträger*innen

Seit 2017 bringt die Initiative Tierversuche verstehen Schülerinnen und Schüler mit Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträgern zusammen – und schafft damit Begegnungen, die im Schulalltag ihresgleichen suchen. Was als Videowettbewerb begann, bei dem Klassen zeigten, wie sie sich mit dem Thema Tierversuche auseinandergesetzt haben, hat sich zu einem mehrstufigen Qualifikationsformat entwickelt: Wer eine Reihe von Aufgaben meistert und ein Online-Quiz besteht, darf mit einer Spitzenforscherin oder einem Spitzenforscher ins Gespräch kommen. Bisher haben vier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler teilgenommen: Neurowissenschaftler Thomas Südhof (2007/08), der 2013 den Nobelpreis für Medizin erhielt, Neurowissenschaftlerin May-Britt Moser (2008/09), Nobelpreisträgerin für Physiologie oder Medizin 2014, Virologe Harald zur Hausen (2009/10), der 2008 für die Entdeckung des Auslösers von Gebärmutterhalskrebs ausgezeichnet wurde – und zuletzt 2025 Biochemikerin Katalin Karikó, Wegbereiterin der mRNA-Technologie. Begegnungen, die bleiben.
Folgende Nobelpreisträger*innen haben bisher teilgenommen:
2017/18: Prof. Thomas Südhof ist Neurowissenschaftler und hat 2013 den Nobelpreis für Medizin erhalten. Er erforscht unter anderem neuronale Störungen (wie beispielsweise Parkinson) – auch mit Hilfe von Tierversuchen.
2018/19: Prof. May-Britt Moser ist Neurowissenschaftlerin. Sie erhielt für ihre Forschung gemeinsam mit ihrem Ehemann Edvard Moser und dem britisch-US-amerikanischen Neurowissenschaftler John O´Keefe im Jahr 2014 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.
2019/20: Prof. Harald zur Hausen ist Virologe. Er hat für seine Forschung 2008 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhalten. Sein Forschungsgebiet ist die Entstehung von Krebsarten aus Virusinfektionen. Er hat mithilfe von Tierversuchen den Auslöser von Gebärmutterhalskrebs entdeckt – humane Papillomviren.
2025: Prof. Katalin Karikó ist Biochemikerin. Sie erhielt für ihre Forschung gemeinsam mit dem US-amerikanischen Immunologen Drew Weissman im Jahr 2023 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Ihre grundlegenden Arbeiten zur Modifikation von messenger-RNA (mRNA) legten den Grundstein für die Entwicklung hochwirksamer Impfstoffe – unter anderem gegen COVID-19.
Redaktionsarbeit: Fakten prüfen, recherchieren und einordnen – auch über die Grenzen hinaus

Nicht jede Meldung, die sich viral verbreitet, hält einer genauen Prüfung stand – das gilt gerade bei einem so emotional aufgeladenen Thema wie Tierversuchen. Die Redaktion von Tierversuche verstehen nimmt genau diese Einordnungsarbeit ernst: Sie recherchiert und korrigiert, wenn nötig, hartnäckige Mythen. Als vielerorts die Meldung kursierte, die Niederlande würden Tierversuche bis 2025 vollständig abschaffen, fragte die Redaktion direkt beim niederländischen Agrarministerium nach – und stellte fest: Von konkreten Ausstiegsplänen keine Spur. Auch die EU-Bürgerinitiative „Ein Europa ohne Tierversuche“ hat die Redaktion kritisch eingeordnet. Hinzu kommt: Jedes Jahr analysiert und kommentiert die Redaktion die aktuellen Versuchstierzahlen – damit Zahlen nicht für sich allein stehen, sondern verstanden werden.
Analyse der jährlichen Versuchstierstatistik:
Niederlande:
EU-Petition:
Transparenz: Einrichtungen und Unternehmen informieren über ihre Forschung

Was, wenn Forschungseinrichtungen nicht warten, bis sie zum Thema Tierversuche befragt werden – sondern selbst das Gespräch suchen? Genau das ist die Idee hinter der „Initiative Transparente Tierversuche“, die Tierversuche verstehen gemeinsam mit der Ständigen Senatskommission für tierexperimentelle Forschung der DFG am 1. Juli 2021 gestartet hat. Universitäten, Kliniken, Forschungseinrichtungen und Unternehmen unterzeichnen darin ein klares Bekenntnis: offen, nachvollziehbar und proaktiv über tierexperimentelle Forschung zu informieren. DFG-Präsidentin Katja Becker macht dabei deutlich, dass jeder Tierversuch erst nach sorgfältiger ethischer Abwägung erfolgt. Ein Schritt, der Vertrauen schaffen soll – durch Transparenz statt Schweigen.
Mein WunderPunkt: Welche Bedeutung haben Tierversuche für Patient*innen?

Tierversuche retten Leben – aber dieser Satz bleibt abstrakt, solange er nicht mit echten Geschichten gefüllt wird. Genau das leistet das Projekt #meinwunderpunkt: Menschen, die an Krankheiten wie Parkinson, Long Covid oder Taubheit leiden, sprechen offen über ihre Erkrankung – und darüber, was Forschungserfolge für ihr Leben bedeuten. Denn viele wissen nicht, dass die Medikamente und Therapien, auf die sie angewiesen sind oder hoffen, ohne Tierversuche nicht möglich wären. #meinwunderpunkt gibt der Wissenschaft ein Gesicht – und der Debatte eine menschliche Dimension.
Themenwoche: Welchen Methodenmix braucht die Wissenschaft?

In der Forschung ist es oft nicht die Frage ob Tierversuch oder Alternativmethode – sondern wie beides sinnvoll zusammenspielt. Im September 2022 widmete Tierversuche verstehen dieser Frage eine ganze Themenwoche unter dem Titel „Von Alternativmethoden bis zu Tierversuchen. Welchen Methodenmix braucht die Wissenschaft?“. Fünf Tage lang stellte die Initiative tierversuchsfreie Technologien vor, zeigte deren Chancen und Grenzen – und machte deutlich, warum Wissenschaft oft beides braucht. Mit dabei: eine Multimedia-Reportage zur Alzheimer-Forschung, neue Filmbeiträge, der Start der zweiten Podcast-Staffel von „Fabeln, Fell und Fakten“ sowie eine Podiumsdiskussion mit Expertinnen und Experten aus Forschung, Behörden und Tierschutz. Und als Sahnehäubchen: der neu ins Leben gerufene Medienpreis „(M)ausgezeichnet!“.

Podcast „Fabeln, Fell und Fakten“liefert seit 2021 andere Blickwinkel

Sind Tierversuche wirklich noch nötig? Oder längst überholt? Genau solche Fragen stellt der Podcast „Fabeln, Fell und Fakten“ der Initiative Tierversuche verstehen – und räumt dabei mit gängigen Mythen auf. Der Neurobiologe Dr. Roman Stilling und der Diabetes-Forscher Prof. Johannes Beckers vom Helmholtz Zentrum München führen mittlerweile seit fünf Staffeln durch die Folgen, die informativ und kurzweilig zugleich sind. Regelmäßig bringen sie Gäste aus Forschung, Politik und Ethik mit ins Gespräch – für noch mehr Perspektiven auf ein vielschichtiges Thema. Von Grundlagenforschung über Alternativmethoden bis hin zu Ethik und Politik: Der Podcast beleuchtet das komplexe Thema Tierversuche aus vielen Blickwinkeln – sachlich, aber nie trocken. Abrufbar auf Spotify, Apple Podcasts und weiteren Plattformen.
Kompass Tierversuche: Seit 2021 Navigationshilfe durch die Versuchstierstatistik

Wie viele Tiere werden jährlich in der Forschung eingesetzt – und was sagen diese Zahlen wirklich aus? Die Antwort ist komplexer, als ein einfacher Jahresvergleich vermuten lässt. Genau hier setzt der Kompass Tierversuche an: Als praktische Navigationshilfe durch das Meer an Daten und Prozentwerten, das die jährliche Versuchstierstatistik des des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) liefert. Die Initiative Tierversuche verstehen hat das Instrument entwickelt, um Zahlen einzuordnen, Zusammenhänge zu erklären und ein fundiertes Verständnis zu ermöglichen. In diesem Jahr erscheint der Kompass bereits zum sechsten Mal – als kostenloser Download verfügbar.

Science Hero-Preis 2024 für einen besonderen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation
Tierversuche verstehen erhielt 2024 von der Konferenz Biologischer Fachbereiche (KBF) den „Science Hero-Preis“ für den besonderen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation. Besonders die sachliche und faktenbasierte Aufklärung der Initiative wird gelobt. Seit 2015 wird der Preis alle zwei Jahre an verschiedene Organisationen oder Personen vergeben.
Die Initiative Tierversuche verstehen leiste einen besonderen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation, indem sie tendenziösen Fehlinformationen durch einschlägige Gruppen entgegenwirke, begründet die Konferenz Biologischer Fachbereiche ihre Wahl. Sie führt als Beispiel die Berichterstattung und gründlich recherchierten Hintergrundinformationen zur Bürgerinitiative „Save Cruelty Free Cosmetics“ an. Die Bürgerinitiative hatte im vergangenen Jahr in einer Petition von der Europäischen Union unter anderem einen fest terminierten Ausstieg aus dem Tierversuch gefordert. Die EU-Kommission lehnte das ab.