Kompass 2026: Globaler Überblick

Tierversuche sind keine nationale Frage, sondern Teil eines globalen Forschungs- und Wirtschaftsgefüges. Dieser Überblick wagt eine weltweite Bestandsaufnahme und zeigt, wie Deutschland im internationalen Vergleich dasteht – zwischen hohen ethischen Ansprüchen und wachsender Konkurrenz. Rechtliche Vorgaben und tierversuchsfreie Technologien: wird Deutschland abgehängt, oder geht es voran? Ein globaler Trend sticht her aus – und erfordert ein Umdenken. Der „Kompass Tierversuche 2026″ widmet sich dem Thema auf den Seiten 14 bis 17.

Wie lässt sich die Bedeutung von Tierversuchen in der Forschungslandschaft eines Landes abschätzen?

Auch wenn in einzelnen Ländern keine statistische Erfassung von Versuchstierzahlen erfolgt, lässt sich anhand der wissenschaftlichen Publikationen grob abschätzen, wie stark Forschende dort mit Tierversuchen arbeiten.

Mäuse sind die mit großem Abstand häufigsten Versuchstiere weltweit. Wir haben uns daher angesehen, wie sich die Zahl der Studien entwickelt hat, in denen Mäuse eingesetzt wurden. Die absolute Zahl dieser Studien ist jedoch kein gutes Maß für die Entwicklung, weil sie im Verhältnis zur Gesamtentwicklung der Publikationen gesehen werden muss. So lässt sich der relative Anteil von Mäuse-basierten Studien im zeitlichen Verlauf bestimmen.

Die Analyse zeigt in vielen Ländern, dass dieser Anteil tendenziell zurückgeht – mit Ausnahme von China. Hier wächst die Zahl der Publikationen mit Maus-Beteiligung sogar noch schneller als die Gesamtzahl der lebenswissenschaftlichen Publikationen, die ebenfalls rasant zunimmt. Im Jahr 2024 erreichte der Anteil von Mäuse-Studien in China einen Rekordwert von mehr als 17 %. Außer in Südkorea, wo anhand der offiziellen Tierversuchs-Statistik in den letzten Jahren ein starker Anstieg von Tierversuchen zu sehen war, liegen alle anderen untersuchten Länder im Bereich zwischen 5 und 10 % Anteil der Mäuse-Studien an den lebenswissenschaftlichen Publikationen in der MEDLINE-Datenbank:

Methodisches Vorgehen für diese Analyse:
Systematische Suche in Pubmed-Datenbank: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/
Suchterme:
Für alle relevanten Publikationen mit mindestens einer/m Autor/in des jeweiligen Landes in der speziellen Teildatenbank für Lebenswissenschaften MEDLINE:

term1_template = ‚{country}[AD] AND (Journal Article[ptyp] NOT Review[ptyp] AND („1995/01/01″[PDAT] : „2024/12/31″[PDAT]) AND medline[sb])‘

Für Publikationen mit dem kuratierten Schlagwort (MeSH-Term) „mice“ – darüber werden Studien gefunden, in denen lebende Mäuse, Maus-Organe, -Gewebe, -Zellen oder -Daten verwendet wurden:

term2_template = ‚{country}[AD] AND (Journal Article[ptyp] NOT Review[ptyp] AND („1995/01/01″[PDAT] : „2024/12/31″[PDAT]) AND medline[sb]) AND „mice“[MeSH Terms:noexp]‘

Wie lässt sich die Bedeutung von Tierversuchen in der Forschungslandschaft eines Landes abschätzen?

Mexiko

In Mexiko werden Tierversuche vor allem über die bundesrechtliche „technische Spezifikation“ NOM‑062‑ZOO‑1999 geregelt. Sie legt bundesweit verbindliche Anforderungen für Haltung, Pflege und Einsatz von Labor‑ und Versuchstieren fest. Mexiko hat 2021 Tierversuche für Kosmetika verboten. Ähnlich wie in der EU gilt auch ein Vermarktungsverbot für im Ausland getestete Produkte. Ein transparentes Melde‑ und Veröffentlichungssystem für Tierversuchs-Statistiken existiert jedoch nicht.

Eine Studie aus 2023 schätzt für die Jahre 2017-2020 je rund 1 Million Wirbeltiere, die als Versuchstiere eingesetzt wurden. Die Schätzung zweier Forschender der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko beruht auf Abfragen von offiziellen Stellen, die jedoch nicht alle Forschungseinrichtungen in Mexiko umfassen. Eine Trendanalyse ist aufgrund mangelnder Daten nicht möglich.

https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/02611929231217033

https://www.business-humanrights.org/en/latest-news/mexico-senate-approves-law-reform-and-the-country-will-ban-the-use-of-animal-testing-for-cosmetic-products/

Brasilien

In Brasilien werden Tierversuche in Forschung und Lehre vor allem durch das Gesetz 11.794 aus dem Jahr 2008 (Lei Arouca) geregelt. Damit wurde u.a. der Nationalen Rat für die Kontrolle von Tierversuchen (CONCEA) geschaffen, der Leitlinien, technische Normen und Empfehlungen verabschiedet, sowie Berichte und Statistiken erfasst. Einrichtungen, die Tierversuche durchführen, müssen registriert sein (derzeit mehr als 1000 akkreditierte Institutionen) und über Ethikkomitees verfügen, den CEUAs, die den US-amerikanischen IACUCs ähneln und die Tierversuchsvorhaben genehmigen müssen, bevor sie durchgeführt werden können. CONCEA erlässt die technischen Normen, überwacht deren Einhaltung und sammelt die Berichte aus den Einrichtungen.

Seit 2023 sind Tierversuche für Kosmetik in Brasilien bundesweit verboten, sofern bereits hinreichende Erkenntnisse über die Inhaltsstoffe vorliegen. Die jüngsten Versuchstierdaten für Brasilien stammen aus dem Jahr 2023. Demnach wurden dort 1,44 Millionen Tiere verwendet.

CONCEA: https://www.gov.br/mcti/pt-br/composicao/conselhos/concea

Rechtsrahmen: https://www.scielo.br/j/aabc/a/jdjfb9FG5HP6spYshqysXKk/?lang=en

Versuchstierzahlen: https://www.gov.br/mcti/pt-br/composicao/conselhos/concea/paginas/Destaques/relatorio-de-uso-de-animais-em-ensino-e-pesquisa-2019-2023

Kosmetik-Verbot: https://latina-press.com/news/309655-tierversuche-fuer-kosmetika-und-parfums-sind-in-brasilien-verboten/

Türkei

Der zentrale Rahmen für Tierversuche in der Türkei sind die Vorschriften zur Arbeitsweise und den Grundsätzen der Ethikkommissionen für Tierversuche. Daraus ergeben sich u.a. eine nationale Koordinations- und Aufsichtsinstanz (Ethikkommission des Zentrum für Tierversuche, HADMEK) sowie lokale Ethikkommissionen in den einzelnen Einrichtungen (HADYEK, vgl. etwa IACUC; dezit ). Zu den Hauptaufgaben der HADMEK gehören die Festlegung ethischer Grundsätze für die Verwendung von Versuchstieren, die Genehmigung der Arbeitsrichtlinien der HADYEK sowie die Überwachung, ob diese gemäß den Bestimmungen der Verordnung arbeiten.

Tierversuche für Kosmetik sind in der Türkei seit 2016 verboten, mit an die EU-Regeln angelehnten Gesetzen. Ein Vermarktungsverbot von im Ausland an Tieren getesteten Produkten bzw. Inhaltsstoffen wie in der EU gibt es aber nicht. Die jüngsten Versuchstierdaten für die Türkei stammen aus dem Jahr 2020. Demnach wurden dort rund 210.000 Tiere verwendet. Vergleichbare Zahlen werden seit 2011 erhoben, ein eindeutiger Trend lässt sich nicht erkennen.

https://yesilgazete.org/hayvan-deneyleri-turkiyede-deneylerde-hayvan-kullanim-oranlari-yagmur-ozgur-guven

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31397165

Original-Daten HADMEK 2018-2020: https://cdniys.tarimorman.gov.tr/api/File/GetFile/423/Sayfa/649/942/DosyaGaleri/rapor.pdf

Kosmetik-Verbot: https://www.invitrojobs.com/index.php/de/neuigkeiten/news-archiv/item/1737-tuerkei-keine-tierversuche-mehr-fuer-kosmetische-endprodukte

Israel

Tierversuche in Israel sind seit 1994 durch das Cruelty to Animals Law sowie das Prevention of Cruetly to Animals Law (Experiments on Animals) geregelt, die Genehmigungen verlangen und das Leiden der Tiere minimieren sollen. Für die Statistik, die Genehmigungsverfahren sowie weitere Empfehlungen gibt es außerdem einen Rat für Tierversuche im Gesundheitsministerium.

Tierversuche für Kosmetik sind in Israel seit 2013 verboten. Israel führt eine ausführliche Statistik über Tierversuche. Zuletzt (2024) wurden rund 340.000 Tiere in israelischen Laboren eingesetzt, mit nur sehr leicht rückläufiger Tendenz.

https://www.gov.il/he/departments/units/animal_testing_unit

https://www.3r-smart.de/fileadmin/user_upload_3rsmart/3R_SMART_Dateien/pdf_Dateien/Drei_in_Israel_relevante_Gesetzestexte_fuer_Tierversuche_ihr_Bezug_zum_3R_Konzept_und_ethische_Erwaegungen.pdf

Versuchstierzahlen: https://www.gov.il/he/Departments/dynamiccollectors/animal-testing-unit-statistics

Australien

Australien regelt Tierversuche über den Australian Code for the Care and Use of Animals for Scientific Purposes und ergänzende Gesetze der Bundesstaaten / Territorien. Der Code legt die ethischen Leitlinien, Genehmigungs- und Kontrollmechanismen fest. Er betont das 3R-Prinzip und verlangt, dass Forschungsvorhaben nur bei wissenschaftlicher Notwendigkeit und unter ethischer Prüfung durchgeführt werden. Forschungseinrichtungen müssen über Animal Ethics Committees (AECs, vgl. IACUCs) verfügen, die Projekte prüfen und jährliche Berichte verfassen.

Konkrete Umsetzung und Berichterstattung liegen bei den Bundesstaaten / Territorien – die Daten werden nicht zentral zusammengeführt, auch, weil nicht alle Landesteile gleichermaßen berichten. Daher gibt es keine Versuchstierzahlen für Australien als Ganzes. Auffällig ist in den vorhandenen Teildatensätzen in Australien ein hoher Anteil an Wildtieren, insbesondere Fischen, sowie landwirtschaftlichen Nutztieren. Demnach werden in Australien viele Forschungsprojekte zur Wild- und Nutztierbiologie und zum Umwelt- und Artenschutz durchgeführt. Dies lässt die Zahlen zudem von Jahr zu Jahr stark schwanken. Trends, die auch auf Effekte von Reduktionsbemühungen in der biomedizinischen Forschung oder bei regulatorischen Versuchen schließen lassen könnten, lassen sich daher kaum erkennen. Tierversuche für Kosmetik sind in Australien verboten, mit EU-ähnlichen Regelungen.

https://anzccart.adelaide.edu.au

https://www.nhmrc.gov.au/about-us/publications/australian-code-care-and-use-animals-scientific-purposes

https://uaroceania.org/regulation/Australian-regulation

https://uaroceania.org/regulation/cosmetics

https://www.dpi.nsw.gov.au/dpi/animals/animal-ethics-infolink/nsw-animal-use-statistics

Neuseeland

Neuseeland hat mit dem Animal Welfare Act aus dem Jahr 1999 einen landesweit einheitlichen Rechtsrahmen, der die Verwendung von Tieren in Forschung und Lehre regelt und nationale Statistikberichte vorschreibt. Das System ist institutionell standardisiert und wird über Code Holders und Animal Ethics Committees implementiert.

Tierversuche für Kosmetik sind in Neuseeland seit 2015 verboten. Im Ausland getestete Produkte und Inhaltsstoffe dürfen aber importiert und verkauft werden. Neuseeland hat eine detaillierte, landesweite Versuchstierstatistik. 2024 stieg die Zahl der verwendeten Tiere nach langer Seitwärtsbewegung um einen Durchschnitt von rund 300.000 Tieren erstmals stark an, auf über 600.000 Tiere. Der Anstieg hing laut Expert:innen eng mit dem Neuseeland-spezifischen Modus eines 3‑Jahres‑Reportings für die Statistik zusammen. Deshalb wird immer auch der 3-Jahres-Mittelwert in der Statistik angegeben. Wie auch in Australien werden in Neuseeland viele der Versuchstiere in den Bereichen Landwirtschaft und Wildtierbiologie eingesetzt, ein Großteil davon Fische.

https://www.anzccart.org.nz

https://uaroceania.org/regulation/NZ-regulation (work in progress)

https://www.mpi.govt.nz/animals/animal-welfare/animals-research-testing-teaching/statistics-on-the-use-of-animals-in-research-testing-and-teaching

https://www.royalsociety.org.nz/news/anzccart-nz-responds-to-new-zealands-animal-research-statistics-for-2024

Indien

Indien hat einen bundesrechtlich verankerten Rahmen für Tierversuche in Forschung und Lehre: Zuständig ist das national Committee for Control and Supervision of Experiments on Animals (CCSEA, früher CPCSEA), das zum Landwirtschaftsministerium gehört. Rechtsrahmen ist der Prevention of Cruelty to Animals Act von 1960, ergänzt durch die Breeding of and Experiments on Animals (Control & Supervision) Rules von 1998. Einrichtungen, die Tierversuchen durchführen, müssen registriert sein und lokale Institutional Animal Ethics Committees (IAECs, vgl. IACUC) haben. Das CCSEA ist dabei als zentrale staatliche Kontrollinstanz angelegt und überwacht Registrierung, Standards und Genehmigungsabläufe.

Für Kosmetika gilt seit 2014 ein Tierversuchsverbot im Inland und ein Importverbot für an Tieren getestete Produkte aus dem Ausland. Eine Statistik wird zwar über verbindliche Formblätter erhoben, ist aber nicht öffentlich einsehbar. Daher sind keine Informationen über Zahlen und Umfang von Tierversuchen an indischen Forschungseinrichtungen und Firmen verfügbar. Ein Anfrage der Redaktion beim CCSEA blieb bis zur Veröffentlichung des Kompass Tierversuche 2026 unbeantwortet.
Indien gehört jedoch in einigen Bereichen der biomedizinischen Forschung zur Weltspitze, etwa bei der Herstellung von Impfstoffen. Mit dem Serum Institute of India gibt es dort etwa den weltgrößten Hersteller von Impfstoffen und anderen immunologischen Produkten. Es ist daher davon auszugehen, dass im bevölkerungsreichsten Land der Erde, mit starken Ambitionen in der Forschung, Tierversuche in hohem Umfang durchführt werden.

https://ccsea.gov.in/Auth/index.aspx

https://acspublisher.com/journals/index.php/jlas/article/view/20075

https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/00236772221086392

https://www.seruminstitute.com/index.php

https://www.narfbr.org/index.php

https://dst.gov.in/sites/default/files/Certified%20Test%20Facilities%20withTest%20Items%20and%20Test%20Systems%2023022026.pdf

Afrika

In den meisten afrikanischen Ländern gibt es keinen speziellen Rechtsrahmen für Tierversuche und auch keine statistische Erfassung von Versuchstieren. Auch in Südafrika, einem der wirtschaftsstärksten Länder auf dem Kontinent, gibt es derzeit keine Gesetze, die sich direkt mit Tierversuchen befassen. Es gibt jedoch einen komplexen Rechtsrahmen, der aus anderen Gesetzen, nationalen Standards und institutionellen Richtlinien besteht, die den Einsatz von Tieren in wissenschaftlichen Einrichtungen regeln.

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0039368122000310

https://www.sciencedirect.com/science/chapter/edited-volume/abs/pii/B9780128498804000076

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