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Keine Änderung an der Richtlinie – EU setzt weiterhin auf Forschung mit Tierversuchen

Die EU-Kommission setzt in der biomedizinischen Forschung weiterhin auf Tierversuche. Eine Analyse der europäischen Tierschutzrichtlinie zeigt, dass sie für medizinische Fortschritte unverzichtbar sind. Foto: EU-Kommission

Die EU-Kommission hält Änderungen an der EU-Richtlinie 2010/63/EU zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere [1] für nicht erforderlich – sie hält Tierversuche derzeit noch für unverzichtbar. Dies geht aus einem ersten Zwischenbericht [2] der Kommission zu der 2010 erlassenen Richtlinie hervor. Darüber hinaus sieht der Bericht keinen Zeitplan für das Auslaufen der Verwendung von nichtmenschlichen Primaten in der Forschung vor.

Grafik: Warum sind Tierversuche notwendig? [3]

Warum sind Tierversuche notwendig?

Zuletzt hatte die EU-Kommission im Jahr 2015 Stellung zu wissenschaftlichen Tierversuchen [4] beziehen müssen, nachdem die europäische Bürgerinitiative „Stop Vivisection“ [5] das Quorum von einer Million Unterstützern erreicht hatte und von der EU forderte, vollständig auf Tierversuche zu verzichten und den Einsatz von Alternativmethoden verbindlich vorzuschreiben. Die Kommission hatte daraufhin in einer zusammen fassenden Stellungnahme dargelegt [4], dass Tierversuche derzeit noch nicht ersetzbar sind. Zugleich würdigte die Kommission die Initiative aber ausdrücklich und stellte Maßnahmen [6] vor, um die Entwicklung und Einführung tierversuchsfreier Ansätze zu beschleunigen. Unter anderem hatte sie Ende 2016 zu einer breit angelegten, wissenschaftlichen Tagung [7] zum Thema Alternativmethoden eingeladen.

Kein Auslaufen der Verwendung von Primaten

„Muss die EU-Tierschutzrichtlinie aktualisiert werden?“ Mit dieser Frage musste sich die EU-Kommission nun aufgrund ihrer eigenen Richtlinienvorgaben (Artikel 58, 2010/63/EU) erneut auseinandersetzen. Dabei sollte vor allem überprüft werden, wie gut die Ziele der Richtlinie erreicht wurden und ob diese für den Zweck geeignet ist. Der erste Zwischenbericht dieser Art kommt zu dem Schluss, dass es zwar in vielen Aspekten noch zu früh sei für eine definitive Überprüfung der Ziele. Dennoch werde deutlich, dass Interessenvertreter aus allen Bereichen die Richtlinie als relevant und notwendig zur Schaffung gleicher Bedingungen innerhalb der EU und zum Erreichen der Tierschutzziele ansehen.

Grafik: Anwendungsgebiete von Tierversuchen [8]

In welchen Anwendungsgebieten finden Tierversuche statt?

Aufbauend auf einem zuvor erstellten Expertengutachten, enthält der Bericht darüber hinaus keinen Zeitplan für das Auslaufen der Verwendung von Primaten. Zu tierschutz-relevanten Details der Verwendung von Primaten veröffentlichte die EU-Kommission zeitgleich zum Zwischenbericht eine Machbarkeitsstudie [9]. Sie bestätigt ebenfalls die bisherige Praxis, ab spätestens 2022 nur noch Primaten für wissenschaftliche Zwecke zu verwenden, die keine direkten Nachkommen von Wildfängen sind. Für mehr als 80 % der verwendeten Affen, so der Bericht, sei dies bereits 2014 der Fall gewesen; die weiteren Fortschritte sollen eng überwacht werden.

Kein Plan zum Ausstieg aus Tierversuchen

Bei der Entwicklung und Beurteilung neuer und Anwendung vorhandener Alternativmethoden sieht der Bericht deutliche Fortschritte, es müsse aber noch mehr getan werden. So wird unter anderem eine unzureichende Kommunikation bzw. mangelnder Austausch von Informationen zu den 3R (reduce, refine, replace) [10] bemängelt. Dennoch trage die Richtlinie durch verschiedene Maßnahmen dazu bei, die Beurteilung und Annahme neuer Methoden im regulatorischen Bereich [11] zu beschleunigen. Zum gegenwertigen Zeitpunkt kann dem Bericht nach kein verbindlicher Plan zum Ausstieg aus Tierversuchen gefasst werden, da für Studien zu einigen biologischen Aspekten in naher Zukunft wahrscheinlich noch keine alternative Methoden verfügbar sein werden.

Grafik: Welchen Anteil haben die verschiedenen Tiergruppen an Tierversuchen? [12]

Welchen Anteil haben die verschiedenen Tiergruppen an Tierversuchen?

Der Deutsche Tierschutzbund kritisierte die Ergebnisse der Untersuchung. „Aus unserer Sicht hätte die EU-Kommission diesen Bericht auch nutzen können, um ein Ausstiegsszenario aus Tierversuchen, wie von den Niederländern vorgeschlagen, zu unterstützen“, wird Roman Kolar, Leiter der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes, in einer Pressemitteilung [13] zitiert. Dass dieses häufig falsch interpretierte Ausstiegsszenario aus den Niederlanden zum einen nur regulatorische Sicherheitstests umfasst und zum anderen auf nationaler Ebene wohl nicht umzusetzen [14] ist, wird bei dieser Argumentation wiederholt außer Acht gelassen. Dabei bestätigt auch der Vorsitzende des niederländischen NCAD (Nationales Komitee für den Schutz von Tieren in der Wissenschaft) Dr. Herman Koëter in einem Interview mit dem Portal tierrechte.de [15], dass der Ausstieg beispielsweise in der Grundlagenforschung bis 2025 nicht gelingen kann. Dies war auch nie die erklärte Absicht dieses Vorhabens, wie dieser Film zeigt [15].

Alternativmethoden können Organismus nicht ersetzen

Prof. Gerhard Heldmaier, stellvertretender Vorsitzender der Steuerungsgruppe von Tierversuche verstehen, begrüßt das positive Signal aus Brüssel. Er erklärt, warum in der Grundlagenforschung ein Ausstieg aus Tierversuchen problematisch wäre: „Alternativmethoden wie Zell- oder Gewebekultur können Information über die Wirkung von Hormonen, Medikamenten oder sonstigen Substanzen auf den Stoffwechsel der untersuchten Zellen liefern. Deshalb haben sie vorrangig Bedeutung bei der Aufklärung von Details des Zellstoffwechsels“, so der Tierphysiologe von der Philipps-Universität in Marburg.

Menschen und Tiere bestünden aus hunderten unterschiedlicher Zelltypen, deren Zusammenarbeit durch das Nervensystem und Hormone koordiniert werde. „Diese organismischen Zusammenhänge können nur im Tierversuch aufgeklärt werden. Alternativmethoden können verbessert werden, indem mehrere Zelltypen als „organ on a chip [16]“ gemeinsam in Kultur gebracht werden. Die Ergebnisse werden jedoch immer auf diese künstliche Situation beschränkt bleiben und können den hohen Komplexitätsgrad und die bewundernswerten Leistungen eines lebenden Organismus nicht wiedergeben“, erklärt der Forscher.

Auch die European Animal Research Association (EARA) [17] nahm die Beurteilung der europäischen Behörde positiv auf. „Es ist gut zu sehen, dass die Überprüfung die großen Verbesserungen im Tierschutz in Europa dokumentiert.“ Eine Einschätzung, die Heldmaier ebenfalls teilt. „Der Report ist zwar nur ein Zwischenbericht, aber bestätigt dass Verbesserungen für den Tierschutz in der Forschung erreicht wurden.“ Die EU-Richtlinie sei ein wichtiger Motor dieser Entwicklung gewesen. „Vor allem die neu eingeführten Tierschutzgremien und die Verpflichtung von fachkundigen Tierschutzbeauftragten haben sich segensreich ausgewirkt.“