EU-Flagge und Richterhammer

Europa stellt die Weichen für Sicherheitsprüfungen ohne Tierversuche

Die EU hat einen Fahrplan verabschiedet, der den Ausstieg aus Tierversuchen unter anderem für die Entwicklung chemischer Arzneimittel einleiten soll. Das Ziel ist klar. Tierversuche verstehen ordnet ein, was der Plan bedeutet – und welche wissenschaftlichen Schritte noch vor uns liegen.

Mehr als 1,2 Millionen Menschen hatten 2023 die EU-Petition „Save Cruelty Free Cosmetics – Commit to a Europe Without Animal Testing“ unterzeichnet. Das klingt zunächst paradox: Tierversuche für Kosmetika sind in der EU schließlich seit 2013 verboten. Aber das Verbot gilt nur für das fertige Produkt sowie die Sicherheitsbewertung von Inhaltsstoffen, sofern sie ausschließlich für Kosmetik eingesetzt werden. Unter dem Chemikalienrecht REACH können Tierversuche aber zu bestimmten Zecken gefordert sein. Genau diese Regelung hat die Initiative kritisiert. Die EU-Kommission hörte zu, dachte lange nach und veröffentlichte am 1. Juni 2026 den „Fahrplan für die schrittweise Einstellung von Tierversuchen für Stoffsicherheitsbewertungen“. Ein Dokument mit großem Anspruch – und mit ebenso großen offenen Fragen.

Was steht wirklich drin?

Die EU-Roadmap stellt kein Gesetz dar. Sie ist eine strategische Kommunikation der Kommission – ein Fahrplan, der die Richtung weist, aber keine harten Fristen setzt. Das ist wichtig zu für das Verständnis: Die EU verpflichtet sich zum Ziel, bleibt beim Tempo aber flexibel und festigt damit ihre bisherige Haltung zum Ausstieg aus Tierversuchen.

Die Absicht wird klar: Tierversuche sollen in der „chemischen Sicherheitsbewertung schrittweise vollständig abgeschafft“ werden. Die Roadmap deckt 15 Regelungsbereiche ab – chemische Arzneimittel, Industriechemikalien, Pestizide und mehr. Ausdrücklich ausgenommen: Biologika, Impfstoffe, Gentherapien. Die Roadmap betrifft demnach allein den Einsatz von Tieren für regulatorische Testzwecke, für die in Deutschland 2024 11% aller verwendeten Tiere eingesetzt wurden, nicht aber die lebenswissenschaftliche Forschung oder die Lehre. Im Jahr 2023 wurden für solche Sicherheitsprüfungen von Chemikalien in Europa nach Angaben der EU-Kommission rund 460.000 Tiere eingesetzt. Die Zahl fällt seit Jahren, sie soll laut EU-Roadmap auf null sinken. Zum Vergleich: Insgesamt wurden im Jahr 2023 rund 9,1 Millionen Versuchstiere verwendet.

Verteilung der 2024 eingesetzten Versuchstiere auf die zugelassenen Zwecke für Tierversuche

Die Umsetzung der Roadmap gliedert sich in drei Zeithorizonte: kurzfristig umsetzbare Maßnahmen wie das Streichen redundanter Tests, mittelfristige Ansätze, die noch Validierungsschritte erfordern, und langfristig die grundlegende Neugestaltung des wissenschaftlichen Rahmens für Sicherheitsbewertungen. Insgesamt formuliert das Dokument 22 konkrete Maßnahmen und mehr als 30 Empfehlungen zu einzelnen toxikologischen Endpunkten.

Wo der Interpretationsspielraum liegt

Verbindliche Jahreszahlen für das Erreichen konkreter Meilensteine sind nicht vorgesehen. Das Dokument spricht von „gradually phasing out“, also der schrittweisen Ablösung, ohne einen finalen Ausstiegstermin zu benennen. Dies entspricht dem bisherigen, wissenschaftsbasierten Vorgehen der EU-Kommission.

Schon 2022, während die Bürgerinitiative noch lief, hat Prof. Olivia Masseck, Professorin für Neurowissenschaften an der  Universität zu Köln, diesen Aspekt präzise auf den Punkt gebracht: „Wenn man Tierversuche verbietet, bevor dies wissenschaftlich möglich ist, also solange es keinen gleichwertigen Ersatz gibt, dann wird man schlicht und einfach auf die Erkenntnisse aus diesen Versuchen verzichten müssen. Das betrifft uns alle. Masseck ist als Vertreterin der Hochschulrektorenkonferenz Mitglied der Steuerungsgruppe von Tierversuche verstehen.

Dass tierversuchsfreie Methoden funktionieren können, zeigt ein Beispiel aus der Praxis: Der Chemiekonzern BASF und der Schweizer Aroma- und Duftstoffhersteller Givaudan haben gemeinsam die weltweit erste von der OECD zugelassene toxikologische Teststrategie ohne Tierversuche für Allergietests entwickelt – nach mehr als zehn Jahren Forschungsarbeit. Wo Erkenntnisse früher nur mit Tests an Meerschweinchen und Mäusen möglich waren, liefert heute ein Methodenmix aus drei in vitro-Verfahren die erforderlichen Daten. Mehr dazu im Beitrag „Tierversuchsfreie Alternativmethoden bei Allergietests“. Aber: Für diesen Nachweis brauchte es ein Jahrzehnt, intensive Validierungsarbeit und internationale Anerkennung. Das macht deutlich: Der Weg zu weniger Tierversuchen ist lang.

Wie langsam der Prozess sein kann, mit dem tierversuchsfreie Methoden bisher von der OECD bzw. den EU-Behörden geprüft und akzeptiert werden, berichtet Robert Landsiedel. Er ist Toxikologe bei BASF, einem der weltweit führenden Chemieunternehmen. Man habe etwa zehn Jahre gebraucht, um die OECD-Zulassung für eine neue tierversuchsfreie Teststrategie zur Vorhersage von Hautsensibilisierungen zu erhalten. Er warnt: „Wenn Europa so weitermacht, wird der Kontinent in absehbarer Zeit kaum Tierversuche ersetzen.“ Am Beispiel für eine aktuell noch verpflichtende Testmethode, die die toxikologischen Auswirkungen auf über 30 Organe von Nagetieren untersucht, rechnet er vor: „Selbst wenn wir nur fünf tierversuchsfreie Methoden pro Organ benötigten und die OECD fünf Methoden pro Jahr in die Prüfrichtlinien aufnimmt, wird es 30 Jahre dauern, bis wir diesen Tierversuch vollständig ersetzt haben – wenn wir so weitermachen wie heute.“

Ein zentrales Prinzip der Roadmap lautet: Nicht-tierbasierte Methoden müssen ein „gleichwertiges Schutzniveau“ bieten wie bisherige Tierversuche. Was das für die EU-Kommission konkret bedeutet, soll erst noch ein neues wissenschaftliches Rahmenwerk definieren, das sogenannte Next-Generation Risk Assessment (NGRA). Dieser Rahmen existiert bisher nur als Konzept. Für komplexe Parameter wie Schäden der Fruchtbarkeit oder der Entwicklung von Embryonen oder Langzeitschäden an Organen wie Leber oder Niere – also genau jene Fragestellungen, bei denen Tierversuche heute als unverzichtbar gelten – gibt es noch keine validierten Alternativen. Die Roadmap benennt dieses Problem, löst es aber nicht direkt.

Was der Fahrplan für Deutschland bedeutet

Für Forschende ändert sich in der Praxis kurzfristig wenig. Tierversuche bleiben dort erlaubt, wo sie wissenschaftlich notwendig sind, und keine geeignete Alternative existiert. Aber Behörden und Unternehmen haben nun mehr Möglichkeiten, genau zu prüfen, welche Versuche wirklich unerlässlich sind. Dabei gilt es darauf zu achten, dass es nicht zu Einschränkungen bei Förderung oder Genehmigung von Tierversuchen in der pharmakologischen und toxikologischen Forschung, unter anderem im Bereich Arbeitsmedizin, kommt.

Allerdings: Ein Fahrplan ist noch keine Fahrt. Die Roadmap der EU-Kommission benennt ein legitimes Ziel und setzt sinnvolle Schritte in Gang. Aber sie erkennt klar und ehrlich an, dass dieser Weg lang ist und die Wissenschaft erst noch Antworten auf viele ungelöste Fragen hervorbringen muss.

Das Risiko kann also im politischen Erwartungsdruck bestehen, der auftritt, wenn ein Ausstiegsplan Ziele vorgibt, ohne dass die wissenschaftliche Grundlage dafür schon vollständig vorhanden ist.


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