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„Die Belastung der Versuchstiere wird abnehmen“

Maus auf Hand

Foto: Understanding Animal Research

Die aktuellen Versuchstierzahlen [1] sind leicht angestiegen. Die Belastung der Tiere in den Versuchen war im Vergleich zum Vorjahr geringer. Tierversuche verstehen sprach mit Prof. Rainer Nobiling über den aktuellen Trend und absehbare Entwicklungen bei Tierversuchen. Der Wissenschaftler ist langjähriger Tierschutzbeauftragter der Universität Heidelberg und Mitglied der beratenden Kommission für die Genehmigung von Tierversuchen beim Regierungspräsidium Karlsruhe. Er erklärt im Interview, warum es in manchen Jahren zu außergewöhnlichen Abweichungen in der Statistik kommen kann und die Belastung der Versuchstiere künftig geringer ausfallen wird.

Die aktuellen Versuchstierzahlen bleiben im Vergleich zum Vorjahr nahezu gleich. Woran liegt das?

Rainer Nobiling: Die Erfahrungen mit inzwischen drei Versuchstiermeldeverordnungen demonstrieren, dass die Hauptursache für sprungartige Änderungen von Versuchstierzahlen weniger im Verhalten der Verwender (Forschungseinrichtungen oder Industrie) als vielmehr in rechtlichen Änderungen des Meldeverfahrens zu suchen sind.

Wie hat sich die Zahl der in Deutschland eingesetzten Versuchstiere entwickelt? Welche Faktoren haben diese Entwicklung beeinflusst?

Nobiling: In Deutschland werden seit 1989 Versuchstierzahlen erhoben. Diese haben sich bis zum Jahr 2000 fast halbiert, hauptsächlich durch Reduktionen in den Bereichen Stoffprüfung und Medikamentenentwicklung. Nach 2000 kann dieser Trend wegen Änderungen im Tierschutzrecht nicht quantitativ weiterverfolgt werden. Die Statistik gibt aber Hinweise auf eine weiterhin bestehende, wenn auch verlangsamte Abnahme der Versuchstierzahlen in diesen Bereichen. Nach 2003 nimmt dagegen die Zahl der Versuchstiere im Forschungsbereich zu. Dabei verschiebt sich die Zuordnung der Untersuchungen von der „Medizinischen Forschung“ zur „Grundlagenforschung“. Allerdings weist vieles darauf hin, dass dies lediglich eine rechtliche, nicht jedoch eine inhaltliche Zuordnung ist.

Prof. Rainer Nobiling

Welche Trends lassen sich anhand der Zahlen ablesen?

Nobiling: Die biomedizinische Forschung wird zunehmend gefördert. Allerdings findet sich nur ein Teil dieser Förderung auch bei einer Zunahme der Versuchstierzahlen wieder. Eine strikte Trennung zwischen tierexperimentell basierter und auf alternativen Methoden wie Zellkulturen beruhender Forschung ist aber nicht möglich, da in aller Regel problemorientiert, das heißt an der Klärung von Forschungsfragen, gearbeitet wird. Dabei ist man auf einen immer neu zu optimierenden Methodenmix unter Einschluss auch von Tierexperimenten angewiesen.

Gibt es z.B. eine Gruppe von Tieren, die Forscher immer seltener nutzen? Lässt sich vielleicht sogar ableiten, ob bestimmte Versuche heute seltener oder häufiger durchgeführt werden?

Nobiling: Aus der Statistik seit 1989 lässt sich ablesen, dass die beobachtete Zunahme von Versuchstierzahlen nahezu ausschließlich auf der häufigeren Verwendung von Mäusen basiert. Alle anderen Arten zeigen konstante oder abnehmende Verwendungszahlen. Der Anteil der Mäuse ist von etwa 50% auf inzwischen über 70% gestiegen.

Forscher sind dazu angehalten, die Belastung der Tiere so gering wie möglich zu halten. Wie spiegelt sich das in aktuellen Daten wieder?

Nobiling: Derzeit liegen erst drei Jahrgänge mit Berichten über die Belastung von Versuchstieren vor. Aus den aktuellen Erhebungen des BMEL [2] kann abgelesen werden, dass etwa 28% aller Tiere durch die Versuche „mittelgradig“(23%) oder „schwer“(5%) belastet wurden.

[3]Wie wird sich die Forschung entwickeln? Wird es künftig eher mehr oder eher weniger Versuchstiere geben?

Nobiling: Prognosen in der Forschungslandschaft sind natürlich mit vielen Unsicherheiten verbunden; Es lässt sich aber so viel sagen, dass eine neue Methode, zum Beispiel CRISPR/CAS-9 zum gezielten Verändern der genetischen Information, die Trends bei Versuchstierzahlen nicht kurzfristig ändern wird. Ob und in welchem Maße diese Methode geeignet ist, die Zahl von Fehlversuchen bei der Herstellung genetisch modifizierter Tiere zu verringern, ist noch nicht absehbar. Analog zur konditionalen Manipulation der genetischen Information kann aber schon mittelfristig mit einer weiteren Abnahme der Belastung der Versuchstiere durch die Beachtung des Prinzips Refinement gerechnet werden.