
Die DFG wertet in einer Studie aus, wie viele Förderprojekte zwischen 2027 und 2025 aus dem biologischen und medizinischen Bereich Alternativmethoden nutzen und genutzt haben.
Was die DFG-Auswertung zeigt
87 Prozent der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligten Anträge aus Sonderforschungsbereichen in den Lebenswissenschaften verwendeten im Jahr 2025 neuartige tierversuchsfreie Methoden, auch als New Approach Methods (NAMs) bezeichnet. Zwischen 2017 und 2025 stieg die Zahl der DFG-bewilligten Forschungsanträge mit NAM-Nutzung deutlich: Bei einzelnen Forschungsprojekten nahm sie von 35 auf 95 Anträge zu. Das zeigt, dass sich NAMs zunehmend als fester Teil des wissenschaftlichen Methodenspektrums etabliert haben. Die Auswertung kann nicht beantworten, in welchem Umfang die Projekte dabei bereits Tierversuche ergänzen, verringern oder ersetzen. Die Studie zeigt auch: sehr häufig werden in Projekten, in denen NAMs eingesetzt werden, auch Mittel für Versuchstiere beantragt – ein Indikator, dass auch Tierversuche zum Einsatz kommen. Moderne Forschung braucht also ein breites Spektrum von Methoden. Die Auswahl der am besten geeigneten Methoden ist für jedes Projekt individuell zu prüfen, immer unter der sorgfältigen Abwägung des jeweiligen Potenzials und der Limitierungen der Ansätze.
Was sind NAMs?
New Approach Methods werden häufig auch als Alternativmethoden zu Tierversuchen bezeichnet. Im Kern umfasst der Begriff ein breites Spektrum an Methoden und Modellen, die ohne Versuchstiere auskommen oder Tierversuche ergänzen, reduzieren oder ersetzen können. Dazu gehören Verfahren und Modelle aus den Bereichen in vitro, ex vivo, in chemico und in silico – also Untersuchungen im Reagenzglas, an entnommenem Gewebe, mit chemischen Testsystemen und mithilfe von Computermodellen.
Beispiele sind:
• Organoide und andere 3D-Gewebemodelle,
• Zellkulturen,
• mikrophysiologische Systeme und Organ-on-Chip-Modelle,
• Bioprinting,
• computergestützte Modelle, Simulationen und KI-Ansätze,
• sowie weitere In-vitro-, Ex-vivo-, In-chemico- und In-silico-Verfahren.

NAMs erfüllen unterschiedliche Aufgaben in der Forschung. Sie können sie Tierversuche vollständig oder teilweise ersetzen, ergänzen oder dazu beitragen, Versuche gezielter zu planen. Im Sinne des 3R-Prinzips können sie Tierversuche vermeiden („Replace“), die Zahl der benötigten Tiere verringern („Reduce“) oder deren Belastung durch schonendere Verfahren senken („Refine“). Während NAMs einzelne Vorgänge in Zellen oder Geweben besonders gut abbilden, eignen sich Tiermodelle häufig besser für komplexe Zusammenhänge im Gesamtorganismus. In der Grundlagenforschung werden Organoide und andere NAMs zudem oft genutzt, um biologische Vorgänge besser zu verstehen – sie sind dann selbst Gegenstand der Forschung und nicht zwingend als Ersatz für einen bestimmten Tierversuch entwickelt.
Die Kernaussagen der DFG-Auswertung
Von 2017 bis 2025 ermittelte die Auswertung eine NAM-Nutzung in:
• 554 bewilligten Einzelprojekten, die einzelne Forschende oder kleinere Teams durchführen (DFG-Programm „Sachbeihilfe“),
• 163 bewilligten Forschungsverbünden, in denen mehrere Arbeitsgruppen zusammenarbeiten (DFG-Programm „Sonderforschungsbereiche“).
Bei den Sachbeihilfen stieg die Zahl der Anträge mit erfasstem NAM-Bezug von 35 im Jahr 2017 auf 95 im Jahr 2025. Bei den Sonderforschungsbereichen nahm sie im selben Zeitraum von 14 auf 24 zu.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei den lebenswissenschaftlichen Sonderforschungsbereichen: Die genannten 87 Prozent entsprechen 20 von 23 Verbünden, in denen 2025 NAMs eingesetzt wurden. In 19 von 23 Verbünden, also in 83 Prozent, wurden zugleich Mittel für Versuchstiere beantragt. Zum Vergleich: 2017 lag der Anteil der Verbünde mit NAM-Nutzung bei 37 Prozent. In 52 Prozent der Verbünde wurden damals Mittel für Versuchstiere, aber keine NAM-Beantragung erfasst.
Bei den lebenswissenschaftlichen Sachbeihilfen hatten 2025 insgesamt 86 von 892 bewilligten Anträgen einen erfassten NAM-Bezug. Das entspricht rund zehn Prozent aller bewilligten lebenswissenschaftlichen Sachbeihilfen. Betrachtet man nur die Anträge, in denen NAMs oder Mittel für Versuchstiere vorkamen, nutzten 2025 insgesamt 86 von 345 Anträgen NAMs. Das entspricht rund 26 Prozent. 2017 waren es 26 von 429 Anträgen, also rund 6 Prozent.
Wie wurde die Auswertung durchgeführt?
Die DFG-Auswertung untersuchte die bewilligten Förderanträge mit einem Text-Mining-Verfahren. Dabei handelt es sich um eine computergestützte Suche nach bestimmten Begriffen in Texten. Ausgewertet wurden die digital verfügbaren Texte aus zwei DFG-Programmen: den Sachbeihilfen und den Sonderforschungsbereichen. Andere Förderprogramme wurden nicht berücksichtigt. Auch abgelehnte Anträge wurden nicht ausgewertet.
Gesucht wurde nach vier NAM-Gruppen:
• Organoide
• sonstige 3D-Gewebemodelle
• Chip-Technologien, darunter Organ-on-Chip-Systeme
• Bioprinting
Als Antrag mit erfasstem NAM-Bezug galt ein Antrag, wenn die Suchroutine mindestens vier Satztreffer ergab. Ein Satztreffer lag vor, wenn ein Satz mindestens ein gültiges Suchstichwort enthielt. Bestimmte Begriffe mussten zusätzlich mit festgelegten Kontextbegriffen kombiniert werden. Ein Filter sollte typische Literaturangaben wie DOI-Nachweise oder Autor-Jahr-Zitationen weitgehend ausschließen. Der Text-Mining-Ansatz konnte nur einen Teil des breiten NAM-Spektrums erfassen, andere weit verbreitete Ansätze wie etwa Computer-Modellierungen oder klassische in vitro-Verfahren konnten nicht dargestellt werden.
NAMs und Tierversuche: verschiedene Methoden für verschiedene Fragen
Die Zahlen zeigen: NAMs und Tierversuche kommen in vielen Projekten gemeinsam vor. Besonders deutlich wird das bei den lebenswissenschaftlichen Sonderforschungsbereichen. 2025 wurden in 20 von 23 Verbünden NAMs eingesetzt, während in 19 dieser 23 zugleich Mittel für Versuchstiere beantragt wurden.
2017 lag der Anteil der Verbünde mit NAM-Nutzung noch bei 37 Prozent. In 52 Prozent der Verbünde wurden damals Mittel für Versuchstiere beantragt ohne dass NAMs zum Einsatz kamen. Das deutet auf ein Methodenspektrum hin, in dem New Approach Methods und Tierversuche häufig im selben Forschungsverbund berücksichtigt werden.
Warum können NAMs und Tierversuche gleichzeitig vorkommen?
Verschiedene Methoden können unterschiedliche Teilfragen eines Projekts beantworten. Ein Organoid kann beispielsweise Zell- oder Gewebeeigenschaften abbilden, während ein Tiermodell Wechselwirkungen im gesamten Organismus untersucht.

In einem Sonderforschungsbereich kann außerdem ein Teilprojekt NAMs nutzen, während ein anderes mit Tiermodellen arbeitet. Eine NAM kann einen Tierversuch vorbereiten, ergänzen, teilweise ersetzen oder unabhängig davon eingesetzt werden. Da die DFG-Studie Sonderforschungsbereiche als gesamte Verbünde auswertet, lässt sich die konkrete Arbeitsteilung zwischen den Teilprojekten aus dieser Analyse nicht ablesen.
Eine ergänzende Perspektive: die BfR-Auswertung
Einen weiteren Einblick in die Verbreitung alternativer Methoden bietet eine Auswertung des Bundesinstituts für Risikobewertung, kurz BfR. Sie ergänzt die DFG-Auswertung um eine weitere Perspektive, weil sie wissenschaftliche Veröffentlichungen aus ausgewählten Bereichen der Lebenswissenschaften untersucht. Dabei verzeichnete die BfR-Auswertung einen statistisch signifikanten Anstieg des Anteils von Veröffentlichungen, in denen Zellkulturen als alternative Methoden erkennbar waren.
Für die Analyse wertete das BfR die Zusammenfassungen der Studien aus der PubMed-Datenbank für die Jahre 2013 bis 2024 aus. Im Mittelpunkt standen drei Forschungsgebiete, in denen weiterhin Versuchstiere eingesetzt werden:
• 39.058 Abstracts aus der Onkologie,
• 22.714 Abstracts aus der Immunologie,
• 42.369 Abstracts aus den Neurowissenschaften.
Die Untersuchung prüfte, in welchen Veröffentlichungen Zellkulturmethoden als alternative Methoden erkennbar waren. Zwischen 2013 und 2024 stieg ihr Anteil in der Immunologie und in den Neurowissenschaften statistisch signifikant an. Für die Onkologie ließ sich keine statistisch eindeutige Entwicklung feststellen.
Die Ergebnisse des BfR ergänzen die DFG-Auswertung um eine weitere Perspektive; aufgrund unterschiedlicher Datenquellen, Untersuchungszeiträume und Auswertungsmethoden sind die Ergebnisse zwar nicht unmittelbar, aber in ihrer grundsätzlichen Entwicklung miteinander vergleichbar. Insgesamt ist die Entwicklung ein ermutigendes Signal: Zellkulturmethoden gewinnen in Teilen der Forschung an Bedeutung. Damit wächst auch das Spektrum möglicher Alternativen zu Tierversuchen.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich festhalten: NAMs gewinnen in den Lebenswissenschaften (also Biologie, Medizin (inkl. Tiermedizin), Agrarwissenschaften und verwandte Fächer) an Bedeutung und erweitern das Methodenspektrum um zusätzliche Möglichkeiten, Tierversuche im Sinne des 3R-Prinzips zu ersetzen, zu reduzieren oder ihre Belastung zu verringern. Dabei zeigt die DFG-Auswertung eine klare Entwicklung: Ausgewählte NAMs tauchen in bewilligten Anträgen immer häufiger auf. Die Auswertung kann nicht zeigen, wie oft diese Methoden tatsächlich eingesetzt wurden, wie viele Tierversuche sie ersetzt haben oder wie viele Tiere dadurch eingespart wurden. Sie gibt jedoch Hinweise darauf, wie NAMs und Tiermodelle im Forschungsalltag zusammenspielen und in welche Richtung sich die Nutzung entwickelt. In vielen Forschungsverbünden werden NAMs und Tiermodelle parallel berücksichtigt – vermutlich, weil sie unterschiedliche Teilfragen beantworten können.
NAMs gewinnen also an Sichtbarkeit und Bedeutung. Ob daraus ein konkreter Gewinn für den Tierschutz entsteht, entscheidet sich erst in der praktischen Anwendung – und lässt sich nicht allein aus Förderanträgen oder Publikations-Zusammenfassungen ablesen. Die wachsende Vielfalt an Methoden schafft jedoch gute Voraussetzungen, wissenschaftliche Fragen künftig noch gezielter und im Sinne des 3R-Prinzips zu bearbeiten.