Zwei Forscherinnen über gelebtes Refinement
Dr. Katarina Riesner und Dr. Linda Hammerich forschen an der Charité in Berlin und engagieren sich für Refinement: das Verfeinern von Versuchsmethoden und Verringern der Tierbelastung. Im März 2025 veröffentlichten sie dazu ein wissenschaftliches Paper in „EMBO Reports„. Wir sprachen mit ihnen über das gelebte 3R-Prinzip: Tiertraining, 3D-gedruckte Tunnel und die herausfordernde Balance zwischen guter Forschung und gutem Gewissen.
Tierversuche verstehen: Der Ansatz der 3R – Replace, Reduce, Refine – ist in der Forschung seit Jahrzehnten bekannt, seit 2010 europaweit gesetzlich festgelegt und seit 2013 im deutschen Tierschutzgesetz verankert. Was bedeutet das für Ihren Alltag im Labor, wenn man die Bedingungen für Tiere im Versuch, also „Refinement“ wirklich lebt?

Dr. Linda Hammerich: Für uns heißt Refinement vor allem, die Belastung für Versuchstiere so gering wie möglich zu halten – und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern im täglichen Handeln. Ich arbeite seit dem Jahr 2018 mit Mäusen in der Leberpathologie, vor allem bei chronischen Erkrankungen. Bei solchen Versuchen müssen wir Tiere über viele Wochen behandeln, in manchen Fällen bis zu einem Jahr. Währenddessen bekommen sie zweimal pro Woche Injektionen. Das ist für die Tiere belastend – und für uns Wissenschaftler, Wissenschaftlerinnen, Tierpflegerinnen und -pfleger eine ständige ethische Herausforderung. Man merkt ja, dass unsere Versuche die Tiere belasten – sie werden unruhiger, ängstlicher, ziehen sich zurück. Niemand macht so etwas gerne.
Wie gehen Sie mit diesem Zwiespalt um?
Hammerich: Refinement setzt an diesem Zwiespalt an. Früher haben wir die Mäuse klassisch in der Hand fixiert – für alle Beteiligten war das stressig. Mir war klar: Das muss doch anders, besser gehen! Heute nutzen wir 3D-gedruckte Plastiktunnel mit weichem Innenleben, in die die Mäuse freiwillig hineingehen. Im Tunnel ist es dunkel, kuschelig, und die Tiere fühlen sich geschützt. Wir können sie dann ruhig und schonend behandeln, ohne dass sie sich bedroht fühlen.

Wie kamen Sie auf die Idee mit dem Tunnel?
Hammerich: In der Rattenforschung gab es schon früher einen guten Ansatz: weiche Handtücher zum Festhalten der Tiere, damit Eingriffe ruhiger werden. Anfangs war ich skeptisch, ob das auch bei Mäusen funktioniert – die können, je nach Rasse, ganz schön bissig sein. Wir haben es trotzdem versucht und den Tunnel entwickelt. Eine Doktorandin evaluierte: Die Stressparameter sanken messbar. Da dachte ich: Ich kann und möchte etwas verändern.
Dr. Katarina Riesner: Entscheidend für die Umsetzung ist aber: Die Mäuse laufen in der Regel nicht einfach so in den Tunnel. Die Gewöhnung mittels Trainings fängt schon lange vor der eigentlichen Injektion an. Wir lassen die Mäuse zwei Wochen lang den Tunnel erkunden, stellen ihn in den Käfig, geben ihnen – je nach Modell – Haferflocken als Belohnung. Das ist Konditionierung – und sie funktioniert. Trainingsprogramme vor dem Versuch sind mittlerweile verpflichtend, sie kosten Zeit, zahlen sich aber auch aus, gerade für komplexe Versuche mit vielen Interventionen am Tier.

Das klingt nach einem großen Aufwand. Wie reagieren die Teams darauf?
Hammerich: Sehr unterschiedlich. Gerade – aber nicht nur – junge Kolleginnen und Kollegen sind oft begeistert. Doktorandinnen, Doktoranden und Tierpflegeende sagen uns: „Ich fühle mich viel besser dabei.“ Und das überträgt sich – ruhigere Menschen führen zu ruhigeren Tieren. Die Gruppen werden insgesamt entspannter, die Tiere kommen einem entgegen.
Riesner: Aber es gibt auch Widerstände, die schon verständlich sind. Der Publikationsdruck in der Wissenschaft ist enorm, die Zeit knapp, das Geld fehlt. Alle Refinement-Maßnahmen bedeuten für die Gruppen Zeit, die sie zusätzlich aufwenden müssen. Die Injektion über den Tunnel selbst dauert nicht länger, aber ein gutes Training oder die Auseinandersetzung mit geeigneten Refinementmethoden für den eigenen Versuch kosten Zeit. Bei extremem Zeit- und Publikationsdruck und Geldmangel entsteht so natürlich Zurückhaltung. Niemand sperrt sich gegen Maßnahmen im Sinne des Tierwohls. Es scheitert nicht am Verständnis oder der Motivation. Aber die Frage ist oft: Wann sollen wir das noch machen?
Wie gehen Sie damit um?
Hammerich: Ich bin Arbeitsgruppenleiterin – ich gebe vor, dass wir uns diese Zeit nehmen. Aber nicht alle, die Refinement-Ideen umsetzen wollen, haben eine solche Position. Wenn ein Doktorand motiviert ist, die Gruppenleitung aber nicht versteht, warum das wichtig ist, entstehen Hürden.
Riesner: Eigentlich bräuchte jede Arbeitsgruppe mit regelmäßigen Tierexperimenten eine Person, die das Tiertraining übernimmt – also die Mäuse so vorbereitet, dass sie für die Forschenden „ready to go“ sind – und zudem auch Interventionen wie Applikationen oder Operationen durchführen kann.Das könnte Prozesse verschlanken, interpersonelle Variabilität reduzieren, die Datenrobustheit erhöhen und durch Erfahrung Beständigkeit und Ruhe in die Abläufe bringen – was letztlich auch dem Tierwohl zugutekommt. Aber diese Ressourcen können oft nicht gestellt werden, da dies eine permanente personelle Verankerung bedeutet, schwer zu erreichen im aktuellen Wissenschaftsgefüge.

Haben Sie das Gefühl, dass sich etwas ändert?
Hammerich: Langsam, ja. Seit der EU-Richtlinie ist das 3R-Prinzip europaweit gesetzlich verankert, seit einigen Jahren werden Trainings ernster genommen. Mit Charité 3R haben wir bei uns ein eigenes 3R Zentrum und mit deren Hilfe konnten wir mehr als 100 Tunnel allein an der Charité verteilen, und es gibt Anfragen von außen – aus München zum Beispiel. Je mehr Leute ihn oder andere Mittel nutzen, desto besser für uns alle.
Riesner: Wir haben an der Charité eine Refinement-Taskforce gegründet und werden tatkräftig von Charité 3R unterstützt. Einmal im Monat kommen Leute aus verschiedenen Arbeitsgruppen und Tierschutzbeauftragten zusammen, oft mit besonders belastenden Versuchen oder neuen Methoden. Meist zur Mittagspause, online, 7 bis 15 Leute. Wir tauschen Ideen aus, diskutieren Probleme, entwickeln gemeinsam Lösungen. Das ist ein riesiger Gewinn – weil wir nicht mehr allein vor den Herausforderungen stehen.
Hammerich: Aus dieser Taskforce ist nicht nur das Paper im „EMBO reports“ entstanden, sondern vor allem eine digitale Wissensplattform, ein Charité 3R Sharepoint mit Protokollen, Videos, Erklärungen, Links. Alles intern zugänglich, ohne Wettkampf, ohne Hürden. Und wir bieten einmal im Jahr einen kostenlosen Praxiskurs an – eine Woche lang lernen Forschende und Pflegende Refinement-Methoden praktisch und theoretisch kennen, so dass sie diese direkt in ihren Versuchen einsetzen können.
Verbessert Refinement auch die Qualität Ihrer Daten?
Riesner: Weniger Tiere scheiden vorzeitig aus dem Versuch aus: Unsere sogenannte Drop-out-Rate – also der Anteil der Tiere, die vor dem geplanten Versuchsende aus gesundheitlichen Gründen aus dem Versuch genommen werden – ist von 20 auf 10 Prozent gesunken. Gerade bei Versuchen, die lange laufen – etwa drei Monate im Experiment – ist es entscheidend, dass die Tiere den Versuch ohne zusätzliche Belastungen durchlaufen können. Das erreichen wir durch Refinement: Zum einen konditionieren wir sie mittels Leckerlis für versuchsspezifische Trainingsprotokolle, die schonendere Applikationen ermöglichen, da weniger Fixierung nötig ist. Zum anderen nutzen wir sogenanntes Cage-Enrichment, also variierendes Nestmaterial, mehrere Rückzugs- und Klettermöglichkeiten durch verschiedene Häuschen sowie zusätzliche Knabber- und Buddelmöglichkeiten.
Hammerich: Refinement darf natürlich nicht die Standardisierung von Modellen gefährden. Es gibt keine allgemeine Patentlösung, sondern Refinement muss immer an den jeweiligen Versuch angepasst sein. Damit bleiben unsere Modelle konsistent, bei gleichzeitiger Weiterentwicklung der Methodik- ein wesentlicher Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens. In unseren Daten sehen wir keinen Hinweis darauf, dass die Qualität sich verschlechtert oder die Variabilität sich erhöht.
Die Darstellung von Tierversuchen in den Medien ist oft pauschal und undifferenziert – als würden wir das leichtfertig tun, ohne nachzudenken. Aber wir nehmen die Verantwortung ernst, tragen die Last.
Dr. Katarina Riesner
Was braucht es, damit Refinement kein „Nice-to-have“ bleibt, sondern wirklich gelebt wird?
Hammerich: Geld! Wenn Geld da ist, kann man Ressourcen beschaffen, dazu gehört auch und vor allem Personal. Leider sind die Geldgeber restriktiv, erwarten gleichzeitig aber Refinement in jedem Versuch. Für viele Arbeitsgruppen ist das nicht umsetzbar.
Riesner: Es gibt aktuell keine deutlichen Karriereanreize für Refinement – weder bei der Vergabe von Forschungsprojekten noch bei Publikationen. Geldgeber erwarten Refinement, aber gut umgesetztes oder über den Standard hinausgehendes Refinement bietet keinen Wettbewerbsvorteil. Viele Fachzeitschriften richten sich zwar nach den sogenannten PREPARE– und ARRIVE-Richtlinien, aber selbst aufwändige und hochqualitative Studien erwähnen Refinement kaum, und die Richtlinien sind nicht immer konsequent umgesetzt.
Ich würde mir auch eine differenziertere Außenwahrnehmung wünschen. Die Darstellung von Tierversuchen in den Medien ist oft pauschal und undifferenziert – als würden wir das leichtfertig tun, ohne nachzudenken. Aber wir nehmen die Verantwortung ernst, tragen die Last. Niemand macht Tierversuche aus Spaß.
Hammerich: Refinement ist keine Pflicht, die wir abhaken. Es ist eine Haltung – eine „Culture of Care“, wie man heute sagt. Und die wächst, langsam, aber spürbar.