Seit zehn Jahren informiert „Tierversuche verstehen“ offen, faktenbasiert und transparent über Tierversuche in der biomedizinischen Forschung. Was hat sich verändert? Was bleibt zu tun? Im Jubiläumsjahr blicken wir zurück – und nach vorn.

Als die Initiative „Tierversuche verstehen“ im März 2016 an den Start ging, war die Ausgangslage klar: Die Wissenschaft sprach über Tierversuche – aber jede Institution für sich, leise und ohne gemeinsamen Rahmen. Eine gut organisierte Tierschutzbewegung bestimmte den öffentlichen Diskurs. Die Forschung blieb weitgehend unsichtbar.
Das sollte sich ändern.
Zehn Jahre später hat „Tierversuche verstehen“ einen Raum geschaffen, den es vorher nicht gab: einen Raum, in dem über Tierversuche sachlich gesprochen werden kann. Faktenbasiert, nachvollziehbar und mit dem Anspruch, wirklich verstanden zu werden – nicht nur gehört.
Was in einem Jahrzehnt entstanden ist, lässt sich kaum auf eine Zahl reduzieren. Es sind Hunderte von Beiträgen, Interviews und Erklärformaten. Es sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die gelernt haben, laut zu sein – und Journalistinnen und Journalisten, die heute anders fragen als noch vor zehn Jahren. Es ist eine Initiative, die den Unterschied zwischen Schweigen und Erklären sichtbar gemacht hat.

Im Jubiläumsjahr schauen wir zurück – auf Momente, die etwas verändert haben, auf Menschen, die diese Arbeit geprägt haben, und auf Fragen, die uns weiter begleiten werden. Und wir schauen nach vorn: auf eine Wissenschaftskommunikation, die noch mehr Menschen erreicht, noch mehr Vertrauen aufbaut – und noch lauter wird.

Eine Initiative zieht Bilanz
Mit einem digitalen Auftakt –Treffen hat die Informationsinitiative Tierversuche verstehen ihr Jubiläumsjahr anlässlich des 10-jährigen Bestehens eingeläutet. 147 Teilnehmende – vor allem aus der Wissenschaft – feierten gemeinsam ein Jahrzehnt sachlicher, mutiger und transparenter Wissenschaftskommunikation. Und blickten zugleich nach vorne.
„Wir sind kein Feigenblatt“
Prof. Stefan Treue im Interview
Er forscht seit Jahrzehnten mit Primaten, gibt seinen Tieren Namen und hat trotzdem – oder genau deswegen – eine Initiative ins Leben gerufen, die das Gespräch über Tierversuche in Deutschland grundlegend verändert hat. Prof. Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen und Sprecher von „Tierversuche verstehen“, über eine Anzeige, die alles veränderte, einen langen Atem und die Frage, warum die Wissenschaft sich bis heute schwertut, mit einer Stimme zu sprechen.


10 Jahre TVV in Bildern
Noch sind in der Biomedizin Tierversuche an vielen Stellen notwendig. Das gefällt nicht jedem. Seit 2016 sucht Tierversuche verstehen den Dialog mit der Öffentlichkeit. Was anfangs kaum denkbar war, ist inzwischen vielerorts selbstverständlich: Forschende sprechen offen über ihre Arbeit mit Tieren. Dazu hat die Initiative unter anderem über ihre Website, Filme, eine Themenwoche, die Präsenz auf der Bildungsmesse didacta oder den Podcast „Fabeln, Fell & Fakten“ beigetragen. Die Redaktion bereitet alljährlich die Versuchstierzahlen verständlich auf und ordnet diese ein – auch auf EU-Ebene. Betroffene haben ihre Perspektive geteilt und Nobelpreisträger*innen mit ihnen über ihre Forschung gesprochen. Die Grafik auf den Seiten 6 und 7 zeigt: In zehn Jahren ist einiges zusammengekommen.
„Vor allem muss man zuhören“
Prof. Stefan Schlatt im Interview
Er hat Drohungen erhalten, die bis in seine Familie reichten. Und er kommuniziert trotzdem oder gerade deswegen über die Tierversuche – aber nur aus eigener Überzeugung. „Ich könnte manchmal besser argumentieren als Tierversuchsgegner“, sagt Prof. Stefan Schlatt, Reproduktionsbiologe an der Universität Münster, Mitglied des dortigen Tierschutzausschusses und Teil der Steuerungsgruppe von „Tierversuche verstehen“. Ein Gespräch über die Grenzen von Transparenz, den Preis von Offenheit – und die Frage, warum er niemand zum Kommunizieren drängen würde.
