10 Jahre Tierversuche verstehen: Eine Bewegung wird erwachsen

Mit einem digitalen Auftakt-Symposium hat die Informationsinitiative „Tierversuche verstehen“ (TVV) ihr Jubiläumsjahr anlässlich des 10-jährigen Bestehens eingeläutet. 150 Teilnehmende – vor allem aus der Wissenschaft – feierten gemeinsam ein Jahrzehnt sachlicher, mutiger und transparenter Wissenschaftskommunikation. Und blickten zugleich nach vorne.

Ein Anfang ohne Shitstorm

Es war ein Moment zum Innehalten: Vor zehn Jahren, am 6. September 2016, startete TVV mit einer Pressekonferenz, die Gründer befürchteten einen nachfolgenden Shitstorm. Das Interesse an der neuen Webseite war groß, doch der Shitstorm blieb aus. Eine glaubwürdige, unabhängige Plattform, die weder lobbyiert noch beschönigt, sondern informiert, bahnte sich ihren Platz in der Welt.

Ein Kompass, der zeigt, wie weit die Reise ging

Passend zum Jubiläum erschien die sechste Ausgabe des Kompass Tierversuche 2026″. Roman Stilling, wissenschaftlicher Referent von TVV, präsentierte eine doppelseitige Wimmelbild-Grafik, die zehn Jahre TVV-Arbeit in einem einzigen Bild versammelt. Themen wie Refinement, weltweite Versuchstierzahlen, Xenotransplantation und Forschungsqualität werden vom Kompass aus über QR-Codes zu vertiefenden Landingpages verknüpft.

Auch in diesem Jahr ist der Kompass mit DOI zitierfähig und steht unter Open-Access-Lizenz frei zur Verfügung. Alle Grafiken können einzeln heruntergeladen werden, die Druckversion ist kostenlos bestellbar.

Was zehn Jahre bedeuten

Johannes Beckers (Helmholtz Munich), von Anfang an in der Steuerungsgruppe, erinnerte an die Grundüberzeugung, die TVV von Beginn an leitete: Transparenz ist keine PR-Strategie, sondern eine Haltung. Öffentlich finanzierte Forschung trage Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, so Beckers. Man habe die Integtration von Pharmaunternehmen verzichtet, um nicht mit finanziell geleiteten Interessen vermengt zu werden. Das Ziel war und ist: sachlich zu informieren und keine Interessenvertretung zu betreiben.

Prof. Andreas Lengeling (Max-Planck-Gesellschaft) ergänzte, wie wertvoll TVV als Partner beim Aufbau proaktiver Kommunikation war – gerade in einer Zeit, in der die öffentliche Wahrnehmung von Tierversuchen zunehmend von Emotionen statt Fakten geprägt wird.

Hannah Hobson von Understanding Animal Research überbrachte internationale Glückwünsche und verwies auf die gewachsene globale Openness-Bewegung: Aus einem einzigen Concordat im Jahr 2014 sind inzwischen elf Transparenz-Abkommen weltweit geworden. Beispielhaft seien die über 200 persönlichen Stellungnahmen von Forschenden auf der Website, die über ihre Tierversuche sprechen.

Die Herausforderungen der nächsten Jahre

Zwei Impulsvorträge machten deutlich, in welchem Klima Wissenschaftskommunikation heute stattfindet.

Dr. Rainer Kurlemann, Wissenschaftsjournalist bei Riffreporter.

Dr. Rainer Kurlemann (Riffreporter) beschrieb den strukturellen Wandel: Aufmerksamkeitsspannen sinken, KI verändert die Informationsproduktion, und Emotionalität verdrängt zunehmend die Kraft von Argumenten. “Fake News sind kein Versehen mehr, sondern gezieltes Instrument der Desinformation”, analysierte Kurlemann. Sein Plädoyer: echte Bilder zeigen, Komfortzonen verlassen, Influencer begleiten statt meiden – und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beim Gang in die Öffentlichkeit aktiv schützen.

Prof. Christoph Klimmt (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover) ergänzte die institutionelle Perspektive. Er sieht den öffentlichen Diskurs von drei Entwicklungen bedroht:

  • durch den Rückgang redaktioneller Leitmedien
  • durch wachsenden Populismus
  • durch einen gesellschaftlicher Wertewandel, der Tiere zunehmend emotionalisiert, wie das Beispiel des Buckelwals Timmy zeige.

Seine Empfehlung an TVV: Vertrauenskapital aufbauen, Krisenkommunikation vorbereiten und den gesellschaftlichen Nutzen der Forschung pragmatisch aus der Patientenperspektive erzählen.

Ausblick auf die nächsten fünf Jahre

Auf Basis gleicher Befunde, wie sie die Referenten beschrieben hatten, wirft die begleitende Agentur Cyrano einen Blick auf die weiteren fünf Jahre. Im Fokus bleibt weiterhin die Vermittlung von Fakten. Gleichzeitig soll es künftig verstärkt darum gehen, Hintergründe, Menschen und Tiere hinter der Forschung sichtbarer zu machen, im besten Fall Verständnis zu erzeugen – unabhängig von der eigenen Meinung.

Neue Materialien sind bereits in Entwicklung: Argumentationshilfen, Leitfäden für Pressearbeit und Veranstaltungen sowie neue Filmformate.

Das Jubiläumsjahr im Überblick

Das Festjahr hat nun begonnen – und endet am 1. und 2. Oktober 2026 in Berlin mit einer Abschlussveranstaltung zum Thema “Konstruktiver Dialog in einer polarisierten Gesellschaft”, darin integriert die Vergabe des Händel-Tierschutzpreises.

Dazwischen tourt die MS Wissenschaft von Mai bis September durch Deutschland. Das Museumsschiff zeigt unter dem Motto „Medizin der Zukunft“ auch ein TVV-Exponat zur Herzpflaster-Forschung: von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Studie, mit interaktiven Modellen, Quiz für Schülerinnen und Schüler sowie Videos zu ethischen Fragen. An den Anlegestellen wird es zudem Kommunikationsformate wie „Meet the Scientists“ geben.

Zu den weiteren Beiträgen zum Jubiläumsjahr von TVVhttps://www.tierversuche-verstehen.de/10-jahre-tierversuche-verstehen-eine-initiative-zieht-bilanz/

Frau und Fragezeichen

Dialog

Fragen Sie uns

Unsere Experten beantworten gerne Ihre Fragen.

Kontaktformular Bestellen
Tierversuche verstehen-Podcast
"Fabeln, Fell und Fakten":